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Drei Thesen zum internationalen Rugby-Geschehen vom Wochenende (Mit Video-Highlights)
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Montag, 11. Juni 2018

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Die 18-monatige Auszeit vom internationalen Rugby sah man David Pocok (tacklet hier Irlands Kearney) nicht an.

Der Juni bietet Rugby-Fans faszinierende Duelle - die Six-Nations-Vertreter treten in der Südhemisphäre an, um sich mit den Rugby-Championship-Teams zu messen. Nur 15 Monate vorm Beginn der Rugby-WM bieten diese Duelle einen faszinierenden Ausblick auf die Titelkämpfe im Land der aufgehenden Sonne. Wer wird in Japan glänzen? Die Bilanz des ersten Wochenendes ist aus europäischer Sicht ernüchternd: England, Irland und Frankreich kassierten allesamt Pleiten - lediglich Wales konnte gegen schwache Argentinier überzeugen. Wir analysieren das Geschehen vom ersten Wochenende der Juni-Länderspiele.

David Pocock ist zurück und Irland verliert den Nimbus der Unschlagbarkeit

Irlands zwölf Spiele andauernde Siegesserie ging am Samstag im australischen Brisbane zu Ende. Entscheidenden Anteil daran hatte ein Spieler, der seit Ende 2016 kein einziges Rugby-Länderspiel mehr absolviert hatte. Dritte-Reihe-Stürmer David Pocock, der bei der WM 2015 der wohl beste Spieler war, scheint wieder zurück seine absolute Bestform gefunden zu haben. Der Dritte-Reihe-Stürmer ist für seine Fähigkeit bekannt, Bälle aus den Offenen klauen zu können und das zweifellos besser als jeder andere Rugby-Spieler der Welt. Mit seinem Spiel-Instinkt, dem tiefen Körperschwerpunkt und seiner unglaublicher Stärke im Rumpf schafft er es wie kein anderer die gegnerischen Rucks zu stören.

Dabei hatte es Pocock nach 18 Monaten Auszeit vom Rugby zunächst nicht einfach. Einen Großteil seines Sabbaticals verbachte er ohne jegliches Rugby, weder aktiv noch am Fernseher, in seinem Geburtsland Simbabwe. Zum Teil auf der Familien-Farm, zum Teil trainierte er zum wiederholten Mal mit einer Anti-Wilderei Ranger-Sonderheit, die sich dem Schutz von Elefanten und Nashörnern verschrieben hat. Auf dem Feld wiederum musste er sich an geänderte Gegebenheiten gewöhnen. Die Regeln in den Rucks wurden in seiner Abwesenheit zu Ungunsten von Spielern seines Typs geändert: Denn seit dem letzten Sommer muss nun auch der Tackler von der eigenen Seite durch das gedachte Gate gehen, bevor er an den Ball darf. Tatsächlich bestrafte südafrikanische Schiedsrichter Marius van der Westhuizen Pocock gleich zwei Mal zu Beginn in den Rucks, wobei beide Entscheidung grenzwertig waren.

Zerstörte Irlands Spiel mit seiner unermüdlichen Arbeit an den Offenen: David Pocock

Doch über 80 Minuten gelang es Pocock Irlands Power-Spiel zu unterbinden, nicht zuletzt mit mehreren sauberen Turnovern, gleich 16 Tackles und drei herausgeholten Straftritten und dem zweiten Australien-Versuch. Über die letzten Jahre und speziell die diesjährigen Six Nations hinweg hatten die Iren ein einfaches aber äußerst effektives Erfolgsrezept, das sie an die Weltspitze gebracht hatte: Mit ihren starken Sturm-Ballträgern rissen Löcher in die gegnerischen Defensiv-Reihen und den sich bietenden Platz nutzten sie mit ihren schnellen Außen Stockdale und Earls. Doch am Samstag gegen Australien machten Pocock und sein Flanker-Kollege Michael Hooper den Ballbesitz der Iren immer wieder zu Nichte: Entweder sie klauten die Bälle direkt, oder konnten zumindest die Frequenz der irischen Attacken verlangsamen, indem sie die Rucks umkämpften. Damit hatte die restliche Wallabies-Defensive Zeit sich zu sortieren und Irlands geführchteter Angriff damit fast vollständig neutralisiert - bis auf eine Chance durch Earls auf Außen, dessen Überkick von Folau gefangen wurde, einen Durchbruch von Achter CJ Stander und eine vergebene Chance vor der Linie mit dem Schlusspfiff wirkte Irland über weite Strecken harmlos und ideenlos. Am Ende standen lediglich drei Straftritte zu Buche und das bei der Mannschaft, die seit der letzten WM die beste Bilanz weltweit hat.

Zugegen: Irland hatte mit Verbinder Johnny Sexton und Prop Tadgh Furlong zwei absolute Leistungsträger geschont und erst in der Schlussphase von der Bank gebracht. Doch gerade der Start-Einsatz von Ersatz-Verbinder Joey Carbery dürfte mit Blick auf die kommenden WM ein wichtiger Schritt sein, denn Irland ist bis dato unglaublich abhängig vom bald 33-jährigen Sexton. Carbery, der bisher sowohl bei Leinster als auch Irland die zweite Geige spielt, wird zur kommenden Saison nach Munster wechseln - Irland wird künftig einen richtigen Backup für den zum WM-Start 34-jährigen Sexton brauchen. Carbery schlug sich ordentlich, steckte ein paar krachende Tackles ein, konnte dem Spiel aber natürlich nicht dermaßen seinen Stempel aufdrücken, wie ein Sexton das vermag.

Australien wiederum dürfte mit dem 18:9 Sieg gegen den Weltranglisten-Zweiten ein wenig dringend benötigten Aufwind erhalten. Ironischerweise glänzte neben Pocock dessen Teamkollege Israel Folau - der evangelikale Christ war mit seinen homophoben Ansichten mehrmals öffentlich mit Pocock aneinandergeraten. Am Samstag jedoch sorgte er mit seiner Fähigkeit hohe Kicks von Conor Murray zu entschärfen dafür, dass Australien die Lufthoheit auf dem Platz hatte und Irlands Gedrängehalb die Wallabies mit seinen präzisen Bomben nicht unter Druck zu setzen vermochte.

Springboks mit Legionären im Aufwind, England kollabiert nach früher Führung

Die Sorgen der Springboks und ihren Fans kannten keine Grenzen - Südafrika, zweifacher Weltmeister, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Peinliche Niederlage gegen Italien (2016), die Rekord-Niederlage gegen Neuseeland mit 0:57 im Vorjahr, oder der sang- und klanglose Untergang in Irland (3:38) vergangenen November - der WM-Dritte von 2015 ging von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. Zwei Schritte scheinen die Geschicke der Boks nun umgekehrt zu haben: Der glücklose Coach Allister Coetzee nahm, nachdem ihm der erfolgreiche Munster-Coach Rassie Erasmus zur Seite gestellt wurde, freiwillig den Hut. Erasmus, nun alleinverantwortlich für den auf Weltranglisten Platz sieben abgerutschten zweimaligen Weltmeister, entschied wieder alle im Ausland aktiven Südafrikaner für die Springboks zu berücksichtigen.

Diese Entscheidung, sowie die Ernennung von Siya Kolisi zum Kapitän erwiesenen sich als Glücksgriffe. Nach einem Horror-Start mit drei leichten Gegen-Versuchen durch England drehte Südafrika auf - die letzten 20 Minuten der ersten Halbzeit waren Einbahnstraßen-Rugby der Boks. Angefeuert durch 60.000 im Rugby-Tempel Ellis Park in Johannesburg legten die Südafrikaner gleich vier Versuche und zeigten eine perfekte Mischung aus Sturm-Power und Kreativität mit der Dreiviertelreihe - drei Namen stachen dabei besonders hervor: Achter Duane Vermeulen, Gedrängehalb Faf de Klerk und Schluss Willy le Roux - alle drei spielen in Europa und waren deshalb bei den Boks zuletzt außen vor. De Klerk und le Roux brachten Kreativität und Vermeulen die nötige Power ins Spiel Südafrikas.

Südafrika im Aufwind, Englands Schwächephase hält an

Dazu glänzte Debütant S’bu Nkosi von den Sharks auf Außen und legte zwei blitzsaubere Versuche und war von England auch sonst nicht unter Kontrolle zu bringen. Verbinder Handre Pollard, der sich seit der WM mit vielen Verletzungen rumplagen musste, fiel früh durch ein fatales verpasstes Tackle auf - er ließ den physisch nicht gerade übermenschlichen Mike Brown einfach über sich marschieren und hatte entscheidenden Aktien an Englands stürmischen Auftakt. Im weiteren Spielverlauf konnte der Bulls-Zehner das Spiel mehr und mehr an sich reißen und die schnellen Außen bedienen. Der 42:39 Sieg wirkte am Ende durch Englands Comeback knapper, als der Spielverlauf dies über weite Teile des Spiels hergegeben hatte.

England derweil wird sich fragen müssen, wie man eine 24:3 Führung nach 20 Minuten bis zur Pause in einen Rückstand verwandeln kann. Die mittlerweile vierte Niederlage (fünf, wenn man das Barbarians-Spiel mitrechnet) ist Beweis dafür, dass England eine Reihe von Problemen adressieren muss, bevor man mit Titel-Ambitionen in das WM-Turnier im kommenden Jahr geht. Mag der schwere England-Sturm und dessen Stärke in Gedränge und Paket auf feuchtem Untergrund im Six-Nations-Winter ein Trumpf sein - auf hartem Geläuf gegen einen schnell spielenden Widersacher wirkte England überfordert das Tempo mitzugehen. Die Tatsache, dass der gebürtige Neuseeländer Brad Shields ohne die Mannschaft zu kennen und nur sieben Tage nach seinem letzten Hurricanes Spiel sowie mit nur drei absolvierten England-Trainingseinheiten überhaupt Samstag sein Debüt feierte, spricht nicht für die Optionen, die England-Coach Eddie Jones momentan zur Verfügung hat. England hat weiterhin eine tolle Mannschaft beisammen und mehr Ressourcen zur Verfügung als jeder andere Verband: Jedoch ginge das Mutterland des Rugbys in der jetzigen Form allerdings nur als absoluter Außenseiter in die WM.

Die All Blacks brillieren mit Effektivität, sind aber verwundbar

Der Weltmeister kann es noch immer, aber das hatte auch nie jemand in Zweifel gezogen. Ganze 41 Punkte schenkten die All Blacks den Franzosen in den letzten 25 Minuten des Länderspiels in der Festung Eden Park ein. Doch zuvor hatten die Franzosen die All-Blacks-Angriffsmaschinerie knapp eine Stunde absolut in Schach gehalten und war sogar mit einer 11:8 Führung in die Pause gegangen. Doch dann kam der verhängnisvolle Moment für „les Bleus“: Stade-Français-Stürmer Paul Gabrillagues sah eine absolut lächerliche gelbe Karte - er hatte Ryan Crotty über die Schulter gegriffen, dieser war theatralisch mit einem Aufschrei zu Boden gegangen und Gabrillagues sah ohne Konsultation mit dem Video-Schiedsrichter gelb.

Selbst die neuseeländischen Kommentatoren zweifelten an der Validität dieser Entscheidung. In der Abwesenheit des Zweite-Reihe-Stürmers kassierte Frankreich gleich drei Versuche. Als dann noch der bis dato gut aufspielende Außen Remy Grosso erst von Flanker Sam Cane hoch getroffen und Bruchteile einer Sekunde später von Ersatz-Prop Ofa Tuungafasi per Schulter ins Gesicht abgeräumt wurde und mit einer doppelten Gesichtsfraktur ausgewechselt werden - dabei sah keiner der Neuseeland-Spieler für das rotwürdige Vergehen eine Karte - war es vorbei mit Frankreichs bis dato heldenhaftem Kampf.

Gleich zwei Mal wurde Frankreich entscheidend benachteiligt: Hier das rotwürdige Tackle gegen Grosso

Die Neuseeländer spielten in der Schlussphase Katz und Maus mit Frankreich und wie sich eine Top-Mannschaft, wie Frankreich, dermaßen abschlachten lassen kann bleibt ein Rätsel. Doch abgesehen von der mangelnden Motivation der Franzosen in der Schlussphase, haben diese über mehr als eine Halbzeit hinweg gezeigt, wie man den amtierenden Weltmeister unter Kontrolle hält. Ein ums andere Mal stoppten die Franzosen die starken Ballträger der All Blacks und ließen diese nicht über die Vorteilslinie kommen - ohne Durchbrüche und ohne die Chance per Offload hinter die erste Linie zu kommen sahen auch die All Blacks phasenweise reichlich ordinär aus. Dazu entschärften die Außen-Schluss-Kombo der Franzosen um Medard, Grosse und Thomas die cleveren Kicks von Verbinder Barrett und Neuner Smith.

Gleichzeitig bewiesen die Franzosen aber auch, warum keine Mannschaft im Weltrugby die All Blacks über 80 Minuten unter Kontrolle halten kann. Das Tempo, mit dem die Neuseeländer ihr Spiel durchziehen ist zum Teil atemberaubend. Die Geschwindigkeit der Rucks und damit die schnelle Frequenz, mit der Gedrängehalb Aaron Smith die Bälle wieder und wieder auf seine Ballträger feuert ist sonst nirgends im Welt-Rugby zu finden. Frankreichs Neuner Parra und Baptiste Serrin sind gute Vertreter ihres Fachs, im Vergleich wirkte es aber so, als würden sie in Zeitlupe spielen. Frankreich musste schließlich der Defensiv-Leistung Tribut zollen und die Ungleichbehandlung des Schiedsrichter-Gespanns in der Bewertung der zu hohen Tackles tat ihr Übriges zum Untergang von les Bleus bei.

Am Ende war es wieder Mal eine klare Angelegenheit für Neuseeland - die Highlights von Spiel eins

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