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TotalRugby-Expertenforum: World Rugbys neue Tackle-Direktiven
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Donnerstag, 12. Januar 2017

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Jeglicher Kontakt oberhalb der Schulterlinie wird nun noch strikter sanktioniert. Ob Mustafa Gungoer das bei Rugby-Gigant Gorgodze abgehalten hätte, bleibt unklar.

Mit dem Expertenforum wollen wir bei TotalRugby eine neue Artikel-Form einführen, um uns mit kontroversen Themen rund ums ovale Leder auseinanderzusetzen. Wir sammeln Experten-Meinungen aus Rugby-Deutschland und darüber hinaus und präsentieren sie euch ungefiltert. Den Auftakt vollziehen wir dabei mit der World Rugby Novelle zu den Tackle-Regeln, mit der seit dem letzten Wochenende zu hoch angesetzte Tackles strenger sanktioniert werden.

Mit dem ersten Wochenende des neuen Jahres trat die Neuregelung des Weltverbands in Sachen zu hoher Tackles in Kraft. Nach lang anhaltenden Diskussionen im Rugby und anderen Kontaktsportarten rund um das Thema wiederholter Gehirnerschütterungen war seit längerem mit Änderungen in diesem Bereich gerechnet worden. Während die Definition eines zu hoch angesetzten Tackles - „Kontakt oberhalb der Schulterlinie“ - unverändert geblieben ist, hat World Rugby gleichwohl die Sanktionen für illegale Tackles verschärft. Mit den Kategorien fahrlässig („reckless“) und unbeabsichtigt („accidental“) wurden seitens des Verbandes zwei Kategorien definiert, wobei erstere zwangsläufig eine gelbe Karte nach sich zieht und zweitere zumindest mit einem Straftritt sanktioniert wird. Das selbe Strafmaß gilt auch, wenn der eigentliche Aufprall unterhalb der Schultern erfolgte und der Tackler dann mit den Armen über die Schulterlinie gerutscht ist.

Die Tatsache, dass diese Änderungen mitten in der Saison implementiert werden, spricht für die Dringlichkeit, die man diesem Thema beim Verband beimisst. Die amerikanische Football Liga NFL musste vor Gericht einen milliardenschweren Vergleich mit hunderten von ehemaligen Spielern eingehen, da man die Risiken von wiederholten Kopfverletzungen heruntergespielt habe. Auch der Fall vom kanadischen Rugby-Profi Jamie Cudmore, der seinem ex-Klub Clermont aus der französischen Top 14 schwere Vorwürfe gemacht hatte - unter anderem dass man ihn zu früh zum Spielen gedrängt habe trotz erlittener Gehirnerschütterungen - belegt die Brisanz dieses Themas. Doch genauso gibt es unter aktiven Spielern und Experten Stimmen, die befürchten, dass unser Sport so verweichlichen wird und diese Novelle eine Flut von Karten nach sich ziehen werde.


DRV XV Trainer Kobus Potgieter: In ein paar Monaten wird sich das Ganze eingespielt haben, bis dahin wird es aber noch einige harte Entscheidungen geben


"Man muss zwei Aspekte in Betracht ziehen. Zum einen ist die Gesundheit der Spieler wichtig und dahingehend ist es gut, dass World Rugby Schritte vollzieht, um dies sicherzustellen. Speziell da man sich in der Vergangenheit zu wenig um Kopfverletzungen gekümmert hat. Der Anfang mit diesen neuen Regeln wird dennoch schwer. Meiner Meinung nach sollten die Schiedsrichter gesunden Menschenverstand nutzen. In den ersten Spielen seit der Implementierung haben einige Schiedsrichter die Stellschraube überdreht. Aber das ist leider häufig so, wenn es eine Regeländerung gibt, dann versuchen die Schiedsrichter bei dem jeweiligen Thema besonders hart durchzugreifen. Gerade die unerfahreneren Schiedsrichter ziehen dann schnell Mal eine Karte, ohne sich im Klaren darüber zu sein, was genau passiert ist.

Am vergangenen Wochenende gab es bereits rote Karten für Aktionen, die wirklich nur unbeabsichtigt waren, wo man es auch bei einer gelben Karte hätte belassen können. Wir können nur hoffen, dass sich die Schiedsrichter an dem Geschehen auf dem Feld orientieren und wenn wir von einem absichtlichen Foulspiel reden, dann ist es nun Mal auch eine rote Karte.


Wird Rugby durch die Änderungen weichgespült?

Ich würde nicht sagen, dass Rugby durch diese Änderungen verweichlicht wird. Als Spieler kann man immer noch hart tacklen, solange man es tief genug ansetzt. Aber ein Element, was man nicht außer Acht lassen sollte: Gegnerischen Spielern durch Steps auszuweichen ist in letzter Zeit immer wichtiger geworden und wenn nun ein Spieler ausrutscht oder stolpert, kann es ebenso zu ungewolltem Kontakt des Tacklers mit dem Kopf des getackleten Spielers kommen. Deshalb sollte man gesunden Menschenverstand anwenden, soweit das gewährleistet ist, sollte diese Änderung ein Erfolg werden. Die Spieler passen sich den Gegebenheiten an und es gibt immer noch genug Angriffsfläche um ein gutes Tackle zu machen, ohne den Kopf zu berühren. Es wird sicherlich ein paar Monate dauern bis sich das Ganze einspielt hat und im Training wird der Fokus darauf liegen müssen tiefer zu tacklen. Bis dahin werden wir wohl noch einige harte Entscheidungen sehen werden."

 

 

Auch beim britischen Bezahlsender Sky wurde das Thema ausführlich diskutiert, unter anderem mit Profi-Schiedsrichter John Lacey

7 Bamboos Gründer Max Lueck: Es musste etwas passieren, aber nun müssen die Schiedsrichter besser geschult werden damit die Umsetzung besser läuft

"Angesichts der Tatsache, dass sich die Anzahl der schweren Kopfverletzungen, im internationalen Spitzen-Rugby, in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt haben, ist klar das etwas passieren musste. Es kann nicht sein, dass die Gesundheit der Akteure so leicht aufs Spiel gesetzt wird, insbesondere wenn man die schwerwiegenden und langfristigen Schäden eines "High Tackle" berücksichtigt, die vor allem in den empfindlichen Regionen im und um das Gehirn herum auftreten können.


Nun hat der internationale Weltverband also reagiert und auf den Rat vieler medizinischer Experten gehört. Die Richtlinien wurden enorm verschärft und eine "Null-Toleranz"-Regel soll die gefährlichen Tacklings verhindern. Das Problem dabei ist eine faire Umsetzung. Die Schiedsrichter scheinen enorme Schwierigkeiten zu haben, die Regeln so zu handhaben, dass das Spiel nicht zu einer Farce verkommt. Kurz nach Einführung der Regel hagelte es nur so an gelben und roten Karten, was dem Spiel sicherlich nicht gut tut. Ulsters Star-Center Charles Piutau hatte sich die Woche bei Twitter sogar schon augenzwinkernd gewundert, ob demnächst überhaupt noch Spieler auf dem Platz stehen, wenn die Schiedsrichter weiterhin leichtfertig Karten verteilen.


Also was muss passieren? Die Schiris müssen besser gebrieft werden, darüber was geht und was nicht. Vor allem den jungen, unerfahrenen Schiedsrichtern merkt man die Unsicherheit bei wichtigen Entscheidungen an. Kritische Situationen müssen deswegen, gemeinsam mit anderen Schiedsrichtern, nach dem Spiel genauestens analysiert werden und dann die beste Lösung für künftige Spiele diskutiert werden.


Das ganze ist natürlich nicht so einfach, weil jede Aktion auf dem Platz, bei dem es zum Kontakt oberhalb der Schulter kommt, völlig individuell ausgelegt werden kann. Deswegen müssen die Schiedsrichter in Zukunft auch weiterhin die Freiheit haben, situationsbedingt zu handeln.


Aber neben den Unparteiischen sind jetzt vor allem Spieler und Trainer gefordert. Ein kluger Spieler sollte sich erst gar nicht zu einem hohen Tackling verleiten lassen. Die meisten hohen Tacklings ließen sich vermeiden, wenn die Spieler sich mehr auf eine saubere Technik konzentrieren. Zuletzt sollte man nie vergessen, dass die Spieler die Woche für Woche vor großen Publikum auftreten auch die großen Vorbilder für den Nachwuchs sind. Und die will sicherlich niemand vergraulen."


Max Lueck, 31, hat seine Rugby-Karriere als Spieler in Brühl angefangen und zog 2007 nach England, um dort Coaching zu studieren. Mittlerweile hat er mit vielen Rugby-Vereinen und Athleten als Trainer und Manager gearbeitet. Derzeit leitet er mit Leidenschaft und Ehrgeiz das Projekt 7 Bamboos Rugby auf und bloggt regelmäßig für diverse Plattformen und Online Magazine. Weitere Information unter www.7bamboosrugby.com


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