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Hochtrabende Pläne für eine Nations League: World Rugby muss zurückrudern
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Mittwoch, 6. März 2019

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Eine Chance für kleinere Rugby-Nationen oder deren größter Albtraum. Wie steht es um World Rugbys Pläne zur Nations League. Foto (c) Perlich

Seit Monaten kursieren Gerüchte über die Pläne von World Rugby den globalen Länderspiel-Kalender neu auszurichten und einen neuen weltweiten Wettbewerb, genannt Nations League, einzuführen. World-Rugby-Vizepräsident Augustin Pichot gilt als größter Förderer des Projekts. Bisher zeigte sich der Weltverband schmallippig, wenn es um Einzelheiten ging - nachdem aber mehr und mehr vermeintliche Details in den Medien diskutiert wurden und sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung breit machte, sah man sich heute bei World Rugby genötigt, Stellung zu beziehen.

Als der in Rugby-Kreisen äußerst gut vernetzte New Zealand Herald, immerhin die größte Zeitung im Land des Weltmeisters, letzte Woche Details zu World Rugbys geplanter Weltliga veröffentliche, hagelte es von allen Seiten Kritik. Dem Bericht des Herald zufolge, soll die Rugby Championship um Japan und die USA erweitert werden, damit sie als eine Art Vorrunde der neuen Nations League als Gegenstück zu den Six Nations fundieren kann.

In der zweiten Jahreshälfte würden dann Duelle zwischen Teams der beiden verschiedenen Konferenzen gegeneinander stattfinden, also beispielsweise England gegen Japan, oder Argentinien gegen Irland. Im Dezember eines jeden nicht-WM-Jahres würde schließlich nach Halbfinal- und Finalspielen der Nations-League-Sieger gekrönt werden. Parallel zur Nations League soll darunter eine B-Liga mit den Teams der zweiten Garde, ebenso zwölf Teams umfassend, installiert werden.

Kritik von Spielern, von den Pazifik-Inseln und Fans

Kritik gab es an vielerlei Aspekten dieses Plans - eines der obersten Ziele von World Rugby, die Zahl der Spiele für die überbeanspruchten Profis zu reduzieren, wurde nicht adressiert. Im Gegenteil, die Top-Teams müssten sogar mit den Finalspielen noch mehr Spiele absolvieren, als bisher. Weswegen sich auch die Spieler-Gewerkschaft RUPA einschaltete und den Plan früh kritisierte.

Einen wahrhaften Aufschrei gab es aber, als durchsickerte, dass die Teilnehmer der Top-Division erst einmal für zwölf Jahre feststehen sollen - also die Teams der zweiten und dritten Garde auf Jahre hinweg keine Perspektive auf bessere Gegner und einen Aufstieg haben sollten. Gerade mit Blick auf World Rugbys Mantra, den Sport abseits der Kernländer verbreiten zu wollen, eine widersinnige Idee.

Umso absurder wurde dieser Gedanken beim Blick auf die vorgesehenen Teilnehmer - mit Georgien und Fidschi standen die Nummer neun und zwölf der Weltrangliste nicht auf dem Zettel - mit den USA und Italien die Nummer 14 und 15 aber schon. Warum, scheint einleuchtend: Zwar stellen die beiden kleinen Rugby-verrückten Nationen Fidschi und Georgien momentan die weitaus besseren Rugby-Teams, bieten aber als bevölkerungsarme und wirtschaftlich schwache Länder weitaus weniger kommerzielles Potenzial als die drittgrößte und größte Wirtschaftsmacht der Erde.

Kritik von Georgiens Trainer Haig: Geld wichtiger als die Werte des Sports

Kein Wunder dass Georgiens Trainer Milton Haig, Neuseeländer und ehemaliger Chiefs-Coach, den Plan als „Albtraum“ bezeichnete und dann World-Rugby-Präsident Bill Beamont und seinen Geschäftsführer Brett Gosper über ein vom georgischen Verband verbreiteten Statement persönlich ins Visier nahm: „Brett Gosper und Bill Beaumont sind ziemlich gut dabei, wenn es darum geht die Werte unseres Sports, die uns so wichtig sind - nur um dann im nächsten Atemzug zu sagen wenn mir jemand einen Haufen Geld zahlt, dann werfe ich diese Prinzipien gerne über Bord!“

Tatsächlich sind finanzielle Überlegungen wohl der größte Antreiber hinter den Planspielen des Weltverbands. Während die Six Nations nämlich kommerziell ein absolutes Erfolgsmodell sind - in den letzten Wochen knackten gleich mehrere Spiele die 10-Millionen-Zuschauer-Marke in Großbritannien, womit fast ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung Großbritanniens vorm TV-Gerät saß - hatte die Rugby Championship zuletzt Probleme sowohl bei den TV-Zahlen, als auch in Sachen Zuschauer im Stadion, was sich wiederum in geringeren Einnahmen abzeichnet.

Die beiden äußerst lukrativen TV-Märkte Japan und Neuseeland mit in den Wettbewerb zu integrieren, scheint da aus Sicht der Verantwortlichen eine Art Allheilmittel, um mehr finanziellen Spielraum zu haben. Denn zuletzt wurden die Ligen und Nationalteams der Südhemisphäre durch diese Entwicklung immer weniger attraktiv für Spieler - ein wahrer Exodus von Südafrikanern und Australiern gen Europa war die Folge. Selbst Neuseeland scheint mittlerweile Probleme zu haben, seine All-Blacks-Ergänzungsspieler zu halten.

Der Sturm der Entrüstung von Seiten der Spieler, den kleineren Rugby-Nationen und nicht zuletzt in den sozialen Medien, wo gefühlt kaum jemand den Plan zur Nations League guthieß, ist auch beim Weltverband nicht spurlos vorbeigegangen. Erst betonte World-Rugby-Geschäftsführer Gosper via Twitter, dass noch keinerlei Pläne finalisiert worden seien. Dann sah man sich heute nach monatelangen Gesprächen hinter geschlossen Türen schliesslich genötigt, Details zu veröffentlichen.

World Rugby äußert sich zu seinen Plänen

Tatsächlich sollen die Six-Nations und die Rugby Championship, ergänzt um zwei Teams, künftig als eine Art Vorrunde fungieren, bevor dann in fünf weiteren Spielen und der Finalrunde der Sieger der Nations League ausgespielt wird. Doch anders als zunächst kolportiert, soll es durchaus die Möglichkeit zum Auf- und Abstieg aus dem höher angesiedelten Wettbewerb der zwölf besten Teams und dem darunter stehenden B-Wettbewerb geben.

World Rugbys Erklärvideo zu seinen Plänen

Jedoch macht dies die Realisierung des Projektes unwahrscheinlicher - denn Änderungen am Six-Nations-Format bedürfen, so ist in einigen Medien zu lesen, eines einstimmigen Beschlusses. Aber wieso sollte Italien freiwillig dafür stimmen, künftig nur noch gegen Tonga und Rumänien anzutreten und nicht die All Blacks und England.

Weiterhin will World Rugby die TV-Rechte künftig gemeinsam vermarkten, um so die Einnahmen zu steigern und die Erlöse dann aufteilen. Auch dies dürfte auf Widerstand aus Europa treffen, da die TV-Rechte an den Six Nations, nicht zuletzt aufgrund der größeren Bevölkerung der Teilnehmer-Länder, weitaus mehr wert sind. Selbst wenn man sich vorerst auf einen Verteilungsschlüssel einigen würde, bliebe dieser auch künftig ein Zankapfel und böte bei jeder Verhandlung erhebliches Konfliktpotenzial.

Um Fans in Großbritannien zu beruhigen, betont World Rugby in seiner heutigen Meldung, dass die British und Irish Lions in leicht abgeänderter Form erhalten blieben. Während Touren mit mehreren Spielen zwischen den gleichen Teams, die im Rugby eine auch aufgrund der riesigen Distanzen zwischen den traditionellen Rivalen eine lange Tradition haben, würden abgesehen von den Lions der Vergangenheit angehören. Jedoch werden in Lions-Jahren aufgrund des eng getakteten Kalenders Auf- und Abstieg ausgesetzt, was das Ganze irgendwo ad absurdum führt.

Start-Schuss für den neuen Wettbewerb soll 2022 sein, nachdem zuvor laut Gerüchten auf Twitter eine Einführung bereits für das kommende Jahr hätte sein sollen. Doch die Tatsache, dass genau ein Jahr vor der WM 2023 in Frankreich der neue globale Wettbewerb eingeführt werden soll, rückt die Frage in den Vordergrund: Verliert die WM damit künftig an Wert?

Deutschland künftig nur drittklassig?

Für deutsche Fans dürfte ein Schaubild von World Rugby, das mit der Presseerklärung heute die Runde machte, für Sorgenfalten gesorgt haben. Dieses orientierte sich an der Weltrangliste zum Ende von 2018 hin. Weswegen die deutsche Mannschaft in diesem erst einmal nur zur Veranschaulichung kreierten Bild, in Division 3 wiederfindet. Gegner hierbei wären solch Rugby-Größen wie die Schweiz und Tschechien, während sich die momentan in der Trophy spielenden Portugiesen in der höher angesiedelten Division 2 wiederfinden würden.

Ob all dies so kommen wird, ist momentan noch mit vielen vielen Fragezeichen versehen. Zum Startschuss des neuen Systems würde jedes Team eingeordnet und sollte die aktuelle Weltrangliste, als Kriterium fungieren, würde das deutsche Team tatsächlich drittklassig starten. Denn nach World Rugbys aktuellem Ranking sind die Niederlande, Hongkong und Portugal, allesamt Teams die unsere Adler zuletzt geschlagen haben, momentan vor uns und würden demnach auch über uns in der Nations League starten.

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