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Ein Spiel für alle?
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Samstag, 5. Januar 2019

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Braucht man fürs Rugby-Spielen Gardemaß? Pierre Mathurin mit seinen 1,64 hat es auch ohne geschafft.

Rugby rühmt sich seit jeher ein Spiel für „all shapes and sizes“, also wirklich für jedermann (und Frau) zu sein. Seit Jahren geht der Trend jedoch hin zu noch größeren und noch muskulöseren Spielern - im Profi-, wie im Amateur-Bereich. Premiership-Hakler Harry Thacker, selbst nur 1,74 m groß, schlägt nun Alarm: Der Trend zu immer größeren und schwereren Spielern habe ein besorgniserregendes Niveau erreicht. Damit hat der Bristol-Profi eine Diskussion auf der Insel ausgelöst.

Schon Frankreichs Verbands-Vorsitzender und Ex-Nationalcoach Bernard Laporte hatte vor wenigen Tagen im Zuge der Diskussion um zwei Todesfälle im französischen Nachwuchs-Rugby betont: Rugby solle wieder zu einem Sport werden, bei dem Wert auf das Ausweichen und nicht auf den Gewinn von Kollisionen gelegt wird. Bristol-Hakler Thacker wiederum berichtete der englischen Mail on Sunday, wie ihm von früh an wieder und wieder von verschiedenen Coaches erzählt wurde, dass er zu klein sei, um ein guter Rugby-Spieler zu werden.

Nachdem Thacker mehrere Trainer über seiner Nachwuchs-Karriere hinweg Lügen gestraft hatte und es bis in das Profi-Team des englischen Rekordmeisters Leicester Tigers geschafft hatte, war das Thema Größe für den gut 94 kg schweren Stürmer jedoch noch nicht erledigt.

Thacker berichtete der englischen Sonntagszeitung weiter, dass gleich mehrere Head-Coaches bei den Tigers ihm prognostiziert hätten, keine Zukunft im professionellen Rugby zu haben. So blieb dem gebürtigen Leicester-Mann keine Wahl - er musste seinen Lieblingsverein verlassen und zum Konkurrenten Bristol wechseln. Dort gelang dem mittlerweile 24-jährigen der endgültige Durchbruch: Sechs Versuche in den letzten sieben Spielen, darunter zwei im direkten Duell gegen seinen Heimat-Klub Leicester, machen ihn derzeit gar zum erfolgreichsten Premiership-Hakler.

Bei Leicester ungewollt, nun in anderen Farben gegen die Tigers erfolgreich: Der kleinste Premiership-Stürmer Harry Thacker

Was den Bristol-Profi aber noch mehr Sorgen bereite ist, dass er aktuell via Social Media immer wieder von Nachwuchsspielern gefragt werde, wie sie schnell an Gewicht zulegen könnten. Thackers Einschätzung: Diese Obsession schade dem Sport, zumal Teenager über das Internet auch schnell an illegale Nahrungsergänzungsstoffe geraten könnten, mit gesundheitlichen Folgen.

Im Nachwuchs-Bereich nach Gewichtsklassen organisieren?

Dass sich im Jugend-Rugby etwas ändern sollte, ist bei vielen Experten Konsens: Immer wieder wird auch in Deutschland suggeriert, dass der Nachwuchsbereich nicht nach Jahrgang, sondern nach Gewichtsklasse organisiert werden solle. Das Modell in Neuseeland gilt als vorbildlich, um Spieler zu produzieren, die sich mit Skills und nicht nur mit roher Gewalt durchsetzen.

Doch auch in der Heimat der All Blacks sind nicht alle mit dem Modell einverstanden: Jüngerer Spieler, die wegen ihres hohen Gewichts ungewollterweise mit älteren Jahrgängen spielen müssen, hören weitaus häufiger mit dem Rugby auf. Das ist das Ergebnis einer Studie im Großraum Auckland, in dem vor der Einführung der Gewichts-Limits viele schmächtigere Kinder mit dem Rugby aufgehört hatten.

Im Profi-Bereich kennt der Trend seit der Professionalisierung nur eine Richtung. Rugby-Spieler werden immer größer und schwerer - Stürmer beim allerersten Rugby World Cup waren laut einer Studie des französischen nationalen Sport-Instituts waren im Schnitt knapp zehn Kilo leichter als beim letzten. Wales Dreiviertelreihe beim 2015er Event war schwerer, als der Sturm beim allerersten World Cup.

Wobei sich dieser Trend zuletzt abgeschwächt hat: In den ersten Jahren nach der Professionalisierung des Rugbys 1995 wurden die Spieler immer schwerer und zuletzt waren die Zuwächse nur noch marginal. Englands Sturm beim WM-Sieg 2003 war sogar schwerer, als der bei der letzten WM.

Man muss kein Hüne sein, um im deutschen Rugby bestehen zu können

Dass man Rugby auch auf sehr hohem Niveau bestehen kann, ohne Gardemaß zu haben, beweisen aber weiterhin auch viele Stars im Ausland und hierzulande. Irlands Achter CJ Stander war einst in Südafrika aussortiert worden, weil er mit seinen 1,85 Metern zu klein sei. Mit Irland straft er seine alten Kollegen und Coachaes nun Lügen.

Cheslin Kolbe gilt mit 1,69 als einer der kleinsten Profis im Rugbysport, glänzte zuletzt im Toulouse-Trikot und wurde zuletzt gar für die Springboks nominiert, wo er unter anderem gegen die All Blacks punkten konnte. In seiner Heimat Südafrika, als Star der Stormers, wurde ihm diese Ehre verwehrt.

Als kleinster Spieler im Profi-Rugby bekannt, Cheslin Kolbe

Auch in Deutschland gibt es zahhlose Spieler, die dem Trend trotzen. RG-Heidelberg-Kapitän Elmar Heimpel beispielsweise ist mit seinen 1,70 m der wohl kleinste Erste-Reihe-Stürmer der Bundesliga und dennoch ein absoluter Leistungsträger der Orange Hearts. 

Pierre Mathurin, der gerade wegen einer Weltreise aussetzt, hat es wiederum mit seinen 1,64 m bis in die Fünfzehner- und Siebener-Nationalmannschaft geschafft. Der Außendreiviertel / Gedrängehalb ist mit seiner Wendigkeit und Schnelligkeit über die Jahre für den einen oder anderen Rugby-Hünen zum absoluten Albtraum geworden.

Auch wenn die Rugby-Obsession mit Größe und Gewicht größer zu werden scheint, haben also auch kleingewachsene Spieler eine Chance, sich auf dem allerhöchstem Niveau durchzusetzen. Auch wenn dies sicherlich mit einige zusätzlichen Hürden verbunden sein dürfte. Ob der Trend zu größeren und schwereren Spielern irgendwann abebbt, ist momentan eher in Zweifel zu ziehen.

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