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Gehirnerschütterung im Rugby: Diskussionen um Barrett-Rot und ZDF-Beitrag
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Freitag, 16. August 2019

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Zu hohe Tackles bleiben im Rugby ein Thema, das heiß diskutiert wird.

Kopfverletzungen sind ein Thema, das in den letzten Jahren im Rugby immer wichtiger wurde. Die Einführung des HIA-Tests und das zunehmende Bewusstsein über die Gefahr von wiederholten Gehirnerschütterungen zeigen, dass sich im Welt-Rugby einiges getan hat. Blickt man aber auf die Diskussion um die rote Karte von All-Blacks-Stürmer Scott Barrett, der seinen Gegenspieler Hooper mit der Schulter mit voller Wucht am Kopf erwischte und den ZDF-Beitrag zum selben Thema vom letzten Sonntag, ist in vielerlei Hinsicht noch einiges zu tun.

Es war die letzte Spielminute vor der Halbzeitpause des Bledisloe-Cup-Spiels zwischen Australien und Neuseeland am letzten Samstag. Die Wallabies führten knapp mit 13-12 und waren in Neuseelands 22 drauf und dran erneut zu punkten. Australien-Flanker und Kapitän Micheal Hooper nahm das Leder nur fünf Meter vor der Mallinie aus dem Ruck auf und setzte zum Pick&Go an. Er wird direkt vom wartenden Neuseeland-Hakler Dane Coles getacklet und geht zu Boden - noch im Fallen erwischte ihn aber Neuseelands Zweite-Reihe-Stürmer Scott Barrett mit voller Wucht, angelegtem Arm und der Schulter zuerst am Kopf.

Völlig unnötig, da Hooper bereits auf dem Weg zu Boden war und sich Barrett so selbst die Möglichkeit nahm, im Offenen um den Ball zu kämpfen. Es schien als wolle er den Australien-Kapitän in dieser Phase lediglich noch Mal einen mitgeben zu wollen. Nach kurzer Rücksprache mit dem Video-Schiedsrichter zeigte Referee Jerome Garces dem All-Blacks-Stürmer folgerichtig und regelkonform rot. Denn die World-Rugby-Guidelines sind in diesem Fall eindeutig: Kontakt mit dem Kopf, angelegter Arm und das mit Momentum - der Schiedsrichter hatte schlicht keine Wahl.

 

Die heiß diskutierte Szene: Barrett kassiert rot

So weit, so klar könnte man meinen. Doch wenn man die Diskussion in den letzten Tagen in der Rugby-Öffentlichkeit verfolgt hat, könnte man zu dem Schluss kommen, Garces-Entscheidung sei falsch gewesen. In Neuseeland beschwerten sich Zeitungs-Kolumnisten und Ex-Nationalspieler über diese Entscheidung, die das Spiel kaputt gemacht habe. Doch während man dies noch als verletzten Stolz abtun kann, nachdem die All Blacks die höchster Pleite ihrer Geschichte kassierten, ist dies bei anderen Ex-Internationalen aus Europa nicht der Fall.

Andy Goode, ehemaliger England-Verbinder und gerade auf Twitter und wegen seines Podcasts eine einflussreiche Stimme aus der Rugby-Community, nannte die Entscheidung schockierend. Der ehemalige Wales-Flanker Martyn Williams stimmte mit in den Chor ein und England-Coach Eddie Jones warnte davor, dass so eine Entscheidung die WM kaputt machen könnte. Dabei insistierte der ehemalige Australien-Coach auch, dass man eine einheitliche Linie bei solchen Entscheidungen brauche.

Auch Neuseeland-Flanker Sam Cane nutzte die Chance im Gespräch mit den Medien darauf hinzuweisen, wie unfair denn die Australier in den Rucks vorgegangen seien und dass diese genauso hätten mit Karten sanktioniert werden sollen. All diese Verteufelungen der Garces-Entscheidung und die Ablenkung von der Gefährlichkeit des fraglichen Tackles sind so kurz vor der WM enttäuschend.

Denn in den letzten Jahren hat World Rugby seine Anstrengungen im Bereich der Kopfverletzungs-Prävention erheblich verstärkt. Schon vor der letzten WM wurde das sogenannte Head Injury Assessment eingeführt, bei dem Spieler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung temporär ausgewechselt werden muss und abseits des Feldes untersucht wird. Während es früher keine genaue Regelung gibt, muss nun schon beim geringsten Verdacht gewechselt werden. Dazu wurden strikte Richtlinien eingeführt, wie mit zu hohen Tackles umgegangen werden muss. Genau nach diesen hat Garces am Wochenende entschieden.

 

Arzt und Ex-Rugby-Nationalspieler Colin Grzanna zu dem Thema

Dass Coaches und ehemalige internationale Spitzenspieler diese Entscheidung nun kritisieren, untergräbt die Anstrengungen von World Rugby, die auch einen Kulturwandel auslösen sollen, erheblich. Der Weltverband will erreichen, dass das sportliche Ergebnis im Rugby klar hinter das körperliche Wohl der Spieler zurücktritt. Dass Aktive, die egal was passiert weiter machen, dafür nicht gefeiert werden, sondern zu ihrem eigenen Wohl davor geschützt werden. Recognise and Remove - Gehirnerschütterung erkennen und richtig behandeln, nach diese Maxime soll im Rugby vorgegangen werden. 

Denn gerade eine erneute Gehirnerschütterung innerhalb kurzer Zeit kann schlimme Folgen bis hin zum Tod haben - das hat man im Rugby erkannt und von offizieller Seite wird dementsprechend gehandelt. Den Eindruck wiederum hatte man aber nicht, wenn man am Sonntag Abend im ZDF die Sportreportage verfolgt hat. „Rugby hat ein Kopfproblem“ hieß es da richtigerweise. Die Problematik wurde von einem Hamburger Chefarzt, einem Experten in Sachen Kopfverletzungen im Sport, in aller Breite erklärt. Auch Jamie Cudmore, ehemaliger Zweite-Reihe-Stürmer von Kanada und Clermont, kommt in dem Beitrag zu Wort, als er für eine Rugbypass-Dokumentation erklärt, wie er einst dazu gedrängt wurde trotz Gehirnerschütterung weiterzuspielen.

Doch der ZDF-Beitrag hinterlässt den Eindruck, als herrsche diese Mentalität noch immer und als sei so etwas auch heute im Rugby völlig normal. Die Anstrengungen von World Rugby zu hohe Tackles aus dem Spiel zu verbannen und Spieler mit Verdacht auf Kopfverletzungen konsequent vom Feld zu nehmen, werden mit keinem einzigen Wort erwähnt. Die Arbeit, die auch in Deutschland von Arzt und Ex-Nationalmannschaftskapitän Colin Grzanna (wir berichteten) in diesem Bereich gemacht wird, bleibt ebenso unerwähnt. Dabei wäre der aktuelle Head of Physical Performance ein wichtiger Ansprechpartner in diesem Bereich in Deutschland gewesen mit Erfahrung als Spieler und als Chirurg.

Der ZDF-Beitrag zu dem Thema

Zumal das Problem im Rugby tatsächlich erkannt wurde und Schritte unternommen werden, um es zu adressieren, während beispielsweise im Fußball hier noch immer Totschweigen vorherrscht. Der Fall von Christoph Kramer, welcher im WM-Finale von Rio 2014 eine Gehirnerschütterung erlitt, minutenlang weiterspielte, den Schiedsrichter fragte wo er sich gerade befinde und sich im Nachhinein an das Endspiel nicht mehr erinnern kann zeigt den Umgang im Fußball. Das Medien-Echo war weitestgehend positiv und der Vorfall wurde zur Helden-Geschichte hochstilisiert. Einige seiner Mitspieler machten sich noch öffentlichkeitswirksam im ZDF-Sportstudio über den Vorfall lustig, als sei der Vorfall eine Lappalie. Dabei hätte auch hier ein zweiter Schlag, beispielsweise bei einem Kopfball-Duell schlimme Folgen haben können.

Insgesamt ist die Rate der Gehirnerschütterungen im Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten nämlich ebenfalls erhöht - bei Zweikämpfen und Kopfballduellen kommt es auch hier regelmäßig zu Zusammenstößen mit den Köpfen. Nach einer Untersuchung von US-College-Athleten über zehn Jahre hinweg lag die Rate mit 0,28 Gehirnerschütterung pro 1000 Spielen pro Spieler nur geringfügig unter der des American Football mit 0,4 Gehirnerschütterungen und damit im oberen Drittel aller untersuchten Sportarten. Dennoch entwickelt sich im runden Ballsport erst zuletzt ein Bewusstsein für das Problem. In der englischen Premier League werden in diesem Jahr erstmals Zahlen erhoben, während eine amerikanische Studie errechnet hat, dass Spieler in Englands oberen Spielklassen im Schnitt nach nur zehn Tagen aufs Feld zurückkehren, was viel zu früh ist.

Doch auch wenn Rugby in Sachen Mentalität hier ein paar Jahre weiter ist, als der Fußball, bleibt nach der Diskussion um den Barrett-Platzverweis festzuhalten: Auch im ovalen Ballsport muss hier noch viel Arbeit erfolgen.

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