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Nach Südafrikas historischem Sieg: Wie schlägt man diese All Blacks?
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Montag, 17. September 2018

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Der entscheidende Moment: Südafrikas Außen Dyantyi nimmt Neuseelands McKenzie mit der letzten Aktion den Ball ab und beendet das Spiel.

Die gesamte Rugby-Welt schien kollektiv erleichtert, Samstag wurde der Beweis erbracht: Der seit fast zehn Jahren die Weltrangliste anführende Weltmeister Neuseeland ist schlagbar und das sogar auf heimischen Boden. Seit 2009, damals waren es ebenso die Südafrikaner in Dunedin, hatte keine Nationalmannschaft mehr dieses Kunststück vollbracht. Die Bedeutung dieses Sieges wurde jedem ersichtlich, der nach Abpfiff in die Gesichter der gelösten Boks blickte: Jubelschreie und Tränen waren da gleichermaßen zu sehen, es war schließlich ein historischer Sieg. Wie also gewinnt man gegen die absolute Übermannschaft im Welt-Rugby und was heißt das für die kommende Weltmeisterschaft?

Es ist gerade einmal ein Jahr her, da waren die Springboks auf neuseeländischem Boden noch von den All Blacks mit 57:0 abgefertigt worden. Auch vor dieser Partie hätten wohl nur die überzeugtesten Fans der Boks ihrem Team Chancen eingeräumt - nach zwei Niederlagen auswärts in Australien und Argentinien schien der Aufwärtstrend der Südafrikaner unter dem neuen Coach Erasmus vorerst beendet. Dazu hatten die All Blacks in ihren bisherigen Championship-Spielen mühelos zwei Mal Australien abgefertigt und mit einer B-XV auch aufstrebenden Argentinier mit Offensiv-Bonuspunkt besiegt.

Offensiv gilt es jede sich bietende Chance zu nutzen

Wenn es nicht gerade eine Regenschlacht, wie vor einem Jahr beim Spiel der British & Irish Lions in Wellington ist, werden die All Blacks ihre Versuche erzielen. Neuseeland hat den stärksten Angriff im Welt-Rugby und kein Kader hat derart viele Waffen zu bieten, wie der der All Blacks. Auch am Samstag reichte es für die All Blacks, die bei weitem nicht ihren besten Tag erwischt hatten, noch immer zu sechs Versuchen und 34 Zählern.

Umso wichtiger ist es die wenigen Lücken und Chancen, die sich in einem Spiel gegen defensiv wie offensiv perfekt gedrillte Neuseeländer zu nutzen. So waren die Springboks in der Anfangsphase förmlich überrollt worden, ohne Ballbesitz und Raumgewinn überwanden die All Blacks gleich zwei Mal die Südafrika-Defensive. Doch in nur kurzer Zeit schlug Südafrika, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Spiel, doppelt zurück.

Mit Außen Apia Dyantyi hatten die Boks gleich zu Beginn einen tödlichen Finisher an der Außenlinie stehen und mit dem ehemaligen Siebener-Star Cheslin Kolbe, der mit seinen 1,70 als einer der kleinsten Rugby-Spieler der Welt gilt, kam ein weiterer hinzu. Dyantyi ließ bei seinem zweiten Versuch Beauden Barrett mit einem Step brutal alt aussehen und Kolbe fing einen Pass von Crotty zum Versuch ab.

Von der Bank kam mit dem zuletzt viel kritisierten Elton Jantjies in Durchgang zwei ein zweiter Spielmacher, der mehrmals für offensive Akzente sorgte. Insgesamt kamen die Boks auf fünf Versuche - ebenso viele, wie die Iren vor zwei Jahren bei ihrem ersten Sieg überhaupt gegen Neuseeland in Chicago. Diese All Blacks besiegt man schlicht nicht mit ein paar erzielten Straftritten.

Offensiv gnadenlos effektiv: Die Springboks am Samstag gegen Neuseeland

Es bedarf einer heroischen Defensiv-Leistung

Obwohl die Boks am Ende nach 80 Minuten sechs Versuche der All Blacks kassiert hatten, war die Defensiv-Leistung der Südafrikaner bemerkenswert. Immer wieder rannten die Neuseeländer in hoher Frequenz auf die Linie Südafrikas an und so dürfte es keinen verwundern, dass es am Ende 226 zu 46 stand und zwar in Sachen gemachter Tackles. Die Gäste hatten fast sechs Mal so viel tacklen müssen, wie ihre Gastgeber.

Dies über 80 Minuten gegen die beste Offensive der Welt durchzuhalten, die jeden Moment das Tempo erhöhen und schneller attackieren kann, als anderen Teams der Welt, ist eine Voraussetzung gegen diese All Blacks und auch einer der Gründe, warum der traditionelle Neuseeland-Schreck Frankreich momentan nicht dazu in der Lage scheint den Weltmeister zu stürzen. Dazu gehört auch die richtige Verstärkung auf der Bank sitzen zu haben - zu oft haben die All Blacks in letzter Zeit enge Spiele im letzten Spieldrittel klar für sich entscheiden können. Mit Zweite-Reihe-Hüne RG Snyman, François Louw und the Beast Mtawarira kamen drei entscheidende Verstärkungen für die Sturm-Defensivschlacht von der Bank.

Der Faktor Glück spielt im Rugby immer eine Rolle, gegen die All Blacks muss man es auf seiner Seite haben

Hätte Neuseelands Verbinder Beauden Barrett einen seiner beiden Erhöhungskicks statt an durch die Pfosten gejagt, hätte es am Samstag wohl keinen historischen Südafrika-Triumph gegeben. Hätte Jordie Barrett die Südafrikaner nicht mit seinem überhasteten schnellen Einwurf in die eigene 22 auf den lauernden Le Roux zurück ins Spiel geholt, wäre es sicher ebenso nicht dazu gekommen. Der Faktor Glück spielt gegen die All Blacks, die in jedes Spiel als Favorit gehen, noch mehr als sonst im Rugby eine Rolle.
Dieses muss man sich aber auch erarbeiten.

Gerade Le Rouxs Versuch, als er den schnellen Einwurf von Schluss Barrett abfing, beweist, dass man sich dieses auch erzwingen muss. Die Südafrikaner hatten sich zuvor tief aus der eigenen Hälfte zur Gasse befreit und Le Roux hätte austragen und auf den Einwurf warten können. Doch nach seinem sechzig Meter währenden Kick-Chase beschleunigte der Schluss noch einmal und fing so den Pass ab.

Die letzte Angriffsphase der All Blacks hätte sicher auch in einem Versuch der Neuseeländer enden können. Doch wieder erzwangen die Boks ihr Glück: Als der Ball schnell nach außen wanderte schossen erst Außen Dyantyi und dann Handre Pollard blitzschnell aus der Linie, konnten beide zwar den ballführenden Damien McKenzie nicht tacklen, schlugen ihm aber den Ball aus den Händen und beendeten so die Partie. Es war der Mut der Verzweiflung, denn außen hatten noch zwei All Blacks ungedeckt gewartet und hätten ungehindert einlaufen können. Mit welchem Tempo Dyantyi nach 80 Minuten noch aus der Linie schoss, muss einem dabei Respekt abnötigen.

Die entscheidenden Momente: Erst verpasst Barrett die Erhöhung, dann überlebt Südafrika die letzte Angriffswelle Neuseelands

Die Neuseeländer bleiben der WM-Favorit, jedoch ohne den Nimbus der Unschlagbarkeit innezuhaben

Es ist kein Zufall, dass diese Neuseeländer seit fast einem Jahrzehnt an der Spitze der Weltrangliste stehen. Die beiden letzten Weltmeisterschaften dominiert haben und damit auch in die nächsten Titelkämpfe als Favorit gehen werden. Doch die Tatsache, dass die All Blacks nun innerhalb von einem Jahr drei Niederlagen (gegen die Lions und im bedeutungslosen dritten Bledisloe Cup gegen Australien) hinnehmen mussten, wird nicht nur am Selbstbewusstsein der Neuseeländer nagen. Für die anderen Mitfavoriten um den WM-Titel, allen voran Irland, Südafrika selbst und in geringerem Maße Australien, Wales und England ist es ein Signal: Wenn man seine Karten richtig spielt, kann man diese All Blacks schlagen, selbst in derem Hinterhof.

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