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TR-Rückblick auf das Corona-Jahr: Die Tops & Flops 2020
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Donnerstag, 31. Dezember 2020

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Das Jahr 2020 werden nicht viele positiv in Erinnerung behalten - dennoch gab es auch 2020 einige erfreuliche Rugby-Entwicklungen.

Seien wir Mal ehrlich, selten wurde das Ende eines Jahres dermaßen herbeigesehnt, wie in diesem Corona-Jahr. 2020 wurde schon lange vor seinem Ende zum Running Gag. So ziemlich jeder sehnt sich zurück zur Normalität - die globale Pandemie hat alle Lebensbereiche erfasst, auch im Rugby ist seit März nicht mehr an Normalität zu denken. Dennoch wagen wir heute, am letzten Tag des Jahres, einen Rückblick auf die letzten turbulenten zwölf Monate.

Tops

Das Frankfurter Rugby-Wunderkind Anton Segner

Wir bei TR verfolgen Anton Segners Werdegang in Neuseeland schon eine Weile, genauer gesagt seit 2017, als der Frankfurter Jung erstmals ans andere Ende der Welt ging, um seinen Rugby-Traum zu leben. Segners Spiele als Kapitän des Nelson College, seine Einsätze für die Crusaders-Akademie und schließlich die Nominierung für Neuseelands Schulnationalmannschaft. Schon früh war uns klar, dass der Dritte-Reihe-Stürmer nicht irgendein Talent war.

Doch die rasante Entwicklung, die Segner im Jahr 2020 genommen hat, war auch für uns so nicht absehbar. Die Meilensteine für das Jahr lesen sich beeindruckend: Nominierung für Neuseelands U-20, obwohl Segner nicht einmal für diese spielberechtigt ist, die Berufung in den Profi-Kader der Tasman Mako als einer der jüngsten Spieler in Neuseelands Mitre-10-Cup, die ersten Einsätze für den amtierenden Meister, sowie schließlich der Titelgewinn mit seinem Team im legendären Eden Park.

Anton Segners Rugby-Märchen ist auch in Neuseeland in aller Munde

Mit jugendlicher Unbekümmertheit, eisernen Willen, noch mehr Trainingsfleiß und einem klaren Ziel vor Augen erobert Anton Segner gerade Neuseeland. Auf dem Feld überzeugt er als guter Ballträger, Tackler und Balldieb gegen Spieler, die weitaus mehr Erfahrung haben und zum Teil immer noch körperliche Vorteile. The Sky is the Limit sagt man im Englischen - Segners Entwicklung geht noch schneller, als man das hätte vor 12 Monaten vermuten können. Wo der Frankfurter Jung in einem Jahr stehen wird? Bei dem Tempo seiner Entwicklung würde es nicht überraschen, wenn er vielleicht sogar schon einen Einsatz im Super Rugby gefeiert haben wird.

Aber selbst wenn es dafür noch nicht reichen sollte, Segner wird seinen Weg gehen. Ob und wie schnell es für seinen ganz großen Traum von den All Blacks reichen wird, hängt allerdings nicht nur von seinem eigenen Fleiß ab. Wohl nirgends ist Neuseelands Nationalteam dermaßen gut besetzt, wie in der dritten Sturmreihe. Mit Segners großem Vorbild, Ardie Savea, All-Blacks-Kapitän Sam Cane und mindestens einem halben Dutzend Anwärter, die bereits auf auf Super-Rugby-Ebene überzeugen, ist der Konkurrenzkampf um die beiden Flanker-Positionen im All-Blacks-Aufgebot härter, als auf jeder anderen Position.

Die Krönung: Der 19-jährige Anton wird mit seinen Mako zum neuseeländsichen Meister

Für Segner selbst bedeutet dies Geduld zu zeigen und weiter hart an sich arbeiten. Seine Coaches in Nelson wollen ihn behutsam aufbauen und haben ihm dennoch bereits einen Einsatz im Mitre-10-Cup-Finale zugetraut. Segner wird seine Chance bekommen und sollte er in einigen Jahren tatsächlich Mal im Schwarz der All Blacks auftreten, könnte er zu dem werden, was Dirk Nowitzki für das Basketball hierzulande war.

Eine sehr große Bürde, für einen noch-Teenager - doch mit seiner Reife, seinem Talent und seinem Trainingsfleiß greift Segner schon jetzt nach den Sternen. Für das deutsche Rugby könnte Segner als Rugby-Botschafter in Black schlussendlich vielleicht sogar mehr erreichen, als im Adler-Trikot.

Frankreichs Renaissance

Mon Dieu, les Bleus! Wenn das internationale Rugby-Jahr 2020 etwas Gutes hatte, dann war es die Renaissance des französischen Nationalteams. Einst für ihren berühmten French Flair bekannt, hatte die XV de France seit ihrem Finaleinzug bei der WM 2011 durchgehend dröges Rugby produziert. Langweilig, uninspiriert, berechenbar und deshalb auch wenig erfolgreich.

Diese Zeiten scheinen endgültig überwunden. Nach der WM 2019, bei der les Bleus im Viertelfinale an Wales scheiterten, hatte Fabien Galthié das Ruder übernommen. Der ehemalige Frankreich-Gedrängehalb kam nicht unbedingt mit den allergrößten Vorschusslorbeeren, hatte er doch als Vereinstrainer keine allzu großen Erfolge feiern können und hatte international keinerlei Erfahrung.

Doch gemeinsam mit dem neuen Defensiv-Coach Shaun Edwards und einem Dutzend Talente aus den beiden U-20-Jahrgängen, die 2019 und 2018 den WM-Titel holen konnten, erfand Galthié das Team neu. Nicht nur wurde die löchrige mit Hilfe des langjährigen Wales-Trainers zu einer blauen Wand verwandelt. Vor allem entfesselte Galthié die Offensivspieler des Teams.

Antoine Dupont und die XV de France - einer der wenigen Lichtblicke 2020

Angeführt vom kongenialen Duo aus Gedrängehalb Antoine Dupont und Verbinder Romain Ntamack bot Frankreich 2020 das beste Offensiv-Rugby auf internationaler Bühne. Offloads, Steps, schlicht instinktgesteuertes Rugby, genau das, was man erwartet, wenn man an die Glanzzeiten des French-Flair-Rugbys denkt. 

Natürlich kann auch Frankreich nicht außerhalb der Zwänge des modernen Rugbys spielen. Neuner Antoine Dupont, der es zum besten Six-Nations-Spieler des Turniers gewählt wurde, setzt mindestens genauso häufig zum Boxkick, wie zu einem Solo-Lauf an. Frankreich schafft es aktuell jedoch die Balance aus Spielfreude und kluger Taktik zu wahren.

Was dem Team noch fehlt, ist ein wenig Reife. Im Sechs-Nationen-Turnier zeigte sich dies zwei Mal besonders deutlich: Beim überragenden Auftaktsieg gegen England schenkte Frankreich den Engländern quasi den Defensiv-Bonuspunkt, der acht Monate später das Turnier entscheiden sollte.

Das Spiel befand sich in der Schlussminute, Frankreich lag mit 24:14 uneinholbar vorne. Doch Dupont kickte das Leder einige Sekunden zu früh raus und dann noch direkt an die eigene Fünf-Meter Linie. Aus dem darauffolgenden Spielgeschehen bekam England einen Straftritt, der dem Vizeweltmeister trotz schwacher Leistung noch den Defensiv-Bonus bescherte.

Der zweite Ausrutscher führte zur einzigen Niederlage des Teams bei den Six Nations. Die Rote für Prop Mohamed Haouas auswärts in Edinburgh drehte das Spiel zu Ungunsten der Franzosen und die späte Revanche gab es erst im November im Autumn Nations Cup, in dem die Franzosen in Edinburgh gewannen.


Flops

COVID, Corona, die globale Pandemie

Hätte man vor einem Jahr den Durchschnitts-Deutschen gefragt, was er von Corona hält, wäre die Antwort wohl gewesen „nun ja, Corona ist ein relativ wässriges Bier aus Mexiko, das man auf Ibiza mit einer Limette in der Flasche serviert bekommt“. Zwölf Monate später kann das Thema niemand, aber auch wirklich niemand mehr hören. Die globale Pandemie hat seitdem so ziemlich jeden Aspekt unseres Lebens umgekrempelt, ausschließlich zum Schlechteren, wenn man von der Möglichkeit zum Home Office absieht.

Auch Rugby wurde wie der gesamte Sport hart von den Auswirkungen der Pandemie getroffen. War noch im Februar alles völlig normal - die Six Nations wurden vor vollen Rängen ausgetragen und die Bundesliga-Teams absolvierten eine routinemäßige Vorbereitung auf die Rückrunde - endete im Monat März jegliche Normalität und bis heute hat man lediglich in Neuseeland und einigen wenigen anderen Staaten so etwas wie Normalität zurückerlangt.

Zum Nichtstun verdammt - im ersten Lockdown hatte das noch etwas Kurioses

Die Bundesliga-Rückrunde fand nie statt und zwei Verschiebungen später ist bis heute nicht abzusehen, wann der Kampf um das ovale Leder im regulären Ligaspielbetrieb hierzulande wieder losgehen soll. Die Hoffnung ruht, wie in der gesamten Welt, auf den mittlerweile verfügbaren Impfstoffen, die eine schrittweise Rückkehr zur Normalität ermöglichen sollen.

Doch bis weite Teile der Bevölkerung geimpft sind und dies dazu führt, dass weniger Ansteckungen, Erkrankungen und Todesfälle vorkommen, wird es mindestens noch sechs Monate dauern. Rugbyspieler, meist unter 30, fit und ohne Vorerkrankungen, sind auf der Prioritätenliste ganz unten zu finden. Vielleicht reicht es dennoch für einen normalen Ligastart im September 2021 - nach hoffentlich mehreren Monaten Testspielbetrieb.

Schwarze Adler

Der Wiederaufbau nach dem Abstieg aus der Rugby Europe Championship im Sommer 2019, der in einem dramatischen Relegationsspiel gegen Portugal erfolgte (TR-Bericht zum Spiel), hätte kaum besser starten können. Am Tag des WM-Finales, dem 2.11.2019, holte ein blutjunges und wenig erfahrenes Adler-Team einen überzeugenden Auftaktsieg in Polen mit 35:15. Das weckte unter den Adler-Fans viele Hoffnungen auf einen schnellen Wiederaufstieg - diese mussten jedoch ebensoschnell begraben werden.

Es folgte eine ernüchternde Pleite daheim gegen die Niederlande und spätestens die Heimniederlage gegen die Schweiz am 29.2. dieses Jahres, nur drei Wochen bevor das gesamte Land und damit der Rugbysport zu einem absoluten Stillstand kommen sollten, sorgte für erhebliche Ernüchterung in Rugby-Deutschland.

Nach der Pleite gegen die Schweiz - Ernüchterung bei allen Beteiligten

Dazu trug auch die schwierige finanzielle Lage des DRV bei - zum Auswärtssieg in Polen reiste das Team über Nacht im Bus aus Heidelberg an. Die Vorbereitung war minimal. Die Erkenntnis nach dem Schweiz-Spiel: Der Wiederaufbau des Teams, mit jungen Bundesliga-Talenten, weitestgehend ohne eingebürgerte Rugby-Deutsche und vorerst ohne Auslands-Adler, würde ein steinigerer Weg werden, als man das hätte nach dem überzeugenden Polen-Sieg erwartet hätte. 

Doch die Aussichten sind nicht dermaßen trübe. Mark Kuhlmann, der die DRV XV im Herbst 2019 als Interimstrainer zum Sieg in Polen geführt hatte, wird die Mannschaft nun längerfristig betreuen. Ohne seine Aufgaben beim TSV Handschuhsheim kann sich der ehemalige Kreativspieler der DRV XV voll auf seine Aufgabe bei den Adlern konzentrieren. Die Bundesliga und ihre Talente kennt Kuhlmann besser, als kaum ein anderer.

Tatsächlich gibt es davon einige in der Bundesliga. Dazu sind für den Sichtungslehrgang im Januar  die Frankreich-Legionäre Eric Marks, Raynor Parkinson, Zani Dembele und Michel Himmer nominiert. Auch wenn die schwarzen Adler im Corona-Jahr 2020 eher eine Enttäuschung waren, sind die Aussichten doch deutlich besser.

Das Comeback des totgeglaubten Kick-Tennis

„Der Boxkick ist der Tod des Rugby“ - mit dieser drastischen Aussage machte Ex-England-Neuner Austin Healy im November Schlagzeilen. Der meinungsstarke TV-Experte mag zwar mit seiner plakativen These ein wenig übertrieben haben, doch so ganz unrecht hat Healy nicht. Wurden Rugby-Fans weltweit in den letzten Jahren mit viel Offensiv-Spektakel verwöhnt, war 2020 das Jahr des Kick-Tennis.

Ging es 2014 bis 2019 noch nur um schnelle Hände, gute Hintermannschafts-Spielzüge und nach All-Blacks-Vorbild um Props und Locks die wie Verbinder passen können, ist das Kick-Tennis der Trend im Jahr 2020. Lediglich ovale Puristen dürften darüber glücklich sein. Vor allem England, das 2019 noch gegen Schottland 38-38 in Twickenham gespielt hat, verließ sich im abgelaufenen Jahr auf die langweilige Null-Risiko-Taktik und zwar mit Erfolg.

Warum? Englands Rugby-Experten sind sich unisono einig, dass Trainer Eddie Jones noch immer dem verlorenen WM-Finale gegen Südafrika hinterhertrauert. Die Springboks hatten sich beim World Cup mit wenig Risiko, vielen Kicks und noch besserer Verteidigung zum Titel gespielt. Jones nutzt nun genau dieses Rezept, da ist er ganz pragmatisch. Wenn es erfolgsversprechender ist, dem Gegner den Ball zu überlassen und ihn unter Druck zu setzen, ist dies genau, was Jones seinen Spielern verordnet.

Bis ein Team ein effektives Gegenmittel zu dieser Taktik gefunden ist, oder World Rugby erneut an der Regelschraube dreht, um mehr Angriffs-Rugby zu ermutigen, könnte der Trend zum Kick-Rugby weiter anhalten. Vielleicht sind es ja wieder die All Blacks, die mit viel Technik und einer noch besseren Taktik das Gegengift zum englischen Kick-Rugby finden. Schon einmal waren sie es, die den Boks die Dominanz im World Rugby nach dem Titelgewinn 2007, der ebenso mit vielen Kicks und eisenharter Defensive erreicht wurde, abspenstig machten.

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