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Viva la Revolución: Agustin Pichot will World-Rugby-Präsident Beaumont ablösen
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Dienstag, 14. April 2020

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Die Konkurrenten Beaumont (links) und Pichot Seite an Seite

Der ehemalige Gedrängehalb der argentinischen Rugby-Nationalmannschaft Agustin Pichot will Bill Beaumont am 10. Mai als Präsident von World Rugby ablösen. Bisher war der 45-jährige der Vize des 23 Jahre älteren Engländers Beaumont, den Pichot wohl mit einschließt, wenn er dieser Tage vom „old boys club“ redet, den es zu überwinden gelte. Der Herausforderer will Rugby fairer, inklusiver und transparenter machen und sich vermehrt um die Belange der kleineren Rugby-Nationen kümmern - ausgerechnet die ungerechten Stimmverhältnisse im World Rugby Council dürften es Pichot aber besonders schwer machen, die anstehende Kampfabstimmung zu gewinnen.

Der wohl beste argentinische Neuner aller Zeiten schickt sich an, wie einst sein Landsmann Ernesto „Che“ Guevara, die alte Ordnung umzustoßen. „Che“ hatte in den 1950ern erst als Gedrängehalb in Buenos Aires und in den 60ern schließlich als sozialistischer Aufständischer weltweit von sich Reden gemacht. Agustin Pichot will in diesem Frühjahr zum Rugby-Revoluzzer werden und bei World Rugby für die Revolution sorgen. Freilich verzichtet Pichot dabei auf gewaltsame Methoden und seine Revolution betrifft lediglich die Administration des Weltverbands. Gewagt ist sein Vorstoß aber dennoch, galt eine Wiederwahl des Amtsinhabers Bill Beaumont doch bis zuletzt als ausgemachte Sache.

Pichot selbst veröffentlichte Sonntag ein Konzept mit seinen Zielen - unter anderem sieht er die aktuelle Corona-Krise als Chance „die Zukunft des Rugbys neu zu definieren“, wie der 45-jährige Argentinier darin beschreibt. Pichot hatte los Pumas im Jahr 2007 zum dritten Platz beim Rugby World Cup geführt, der bis heute größte Erfolg des Teams. Als Pichot 2009 sein 71. und letztes Spiel für Argentinien absolvierte, war der aktuelle Amtsinhaber Beaumont bereits zehn Jahre Funktionär beim damaligen IRB - Pichot begann kurz darauf selbst seine zweite Karriere als Offizieller. Er wirkte beim Umbau des argentinischen Verbandes mit, der als einer der letzten weltweit darauf beharrte, dass Rugby eine Amateur-Sportart bleiben solle.

Der nur 1,77 m große Gedrängehalb Pichot nahm es im Laufe seiner Karriere fortwährend mit den Großen auf

Pichot und das kontroverse Konzept der Nations League

Seit seiner Wahl zum Vizepräsidenten von World Rugby im Jahr 2016 hat sich Pichot mit seiner forschen Art und seiner oftmals offen ausgelebten Sympathie für die lateinamerikanischen Nationalteams nicht nur Freunde gemacht. Das schlussendlich gescheiterte Konzept einer Welt-Liga (TR berichtete) mit Auf- und Abstiegsmöglichkeiten, war auf Initiative Pichots entstanden. Präsident Beaumont hielt sich in der Auseinandersetzung um dieses Konzept, die Anfang 2019 die Schlagzeilen der Rugby-Medien dominierte, auffällig zurück und trug damit auch zum Scheitern bei.

Mit seinen Vorschlägen für einen künftigen global abgestimmten Kalender und einer faireren Aufteilung der Einnahmen positioniert sich Pichot heute als Reform-Kandidat. Mit Sir Clive Woodward, dem Weltmeister-Trainer der Engländer 2003, hat Pichot gestern bereits einen sehr prominenten Unterstützer aus der Heimat Beaumonts gewinnen können. „Ich bin der Meinung Rugby sollte diesen Moment nutzen, sich fundamental verändern, wirtschaftlich stabil werden und ein echter globaler Sport werden“, so Woodward auf Twitter, der Pichot viel Glück mit seiner Kandidatur wünschte. 

Die Macht der Alteingesessenen in den Gremien als Hindernis

Darüber hinaus dürfte sich der Support, den Pichot aus Europa erhält, aber stark in Grenzen halten und das ist für Pichot ein großes Problem. Denn die Machtverhältnisse im World Rugby Council, der am 10. Mai den neuen World-Rugby-Präsidenten bestimmen wird, sind zu Gunsten der etablierten Mächte im Welt-Rugby verzerrt. Die Six-Nations-Länder sind im aus 51 Mitgliedern bestehenden Gremium, genau wie die Rugby-Championship-Länder, mit drei Stimmen pro Nation vertreten.

Der Block aus 18 Stimmen der europäischen Top-Nationen dürfte mit ziemlicher Sicherheit komplett an Beaumont gehen, der gemeinsam mit dem Franzosen Bernard Laporte als Vize antritt. Das restliche Europa ist lediglich mit einem rumänischen, einem georgischen Vertreter, sowie mit zwei Rugby-Europe-Repräsentanten vertreten. Die Top-Nationen der Südhemisphäre dürften einer Präsidentschaft Pichots offener gegenüberstehen, werden doch gerade Neuseeland, Australien und Südafrika wirtschaftlich zusehends von den wirtschaftlich stärkeren Top-Nationen Europas abgehängt.

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Agustin Pichot (rechts) mit WR-Geschäftsführer Gosper - der Argentinier will World Rugby revolutionieren.

 

Pichot hatte nämlich mit seinem World-League-Konzept erhebliche Einnahmesteigerungen versprochen, ein hochumstrittenes Thema jedoch blieben Auf- und Abstieg. Mit einer Aufstiegsregelung hätten ambitionierte Länder der zweiten Garde, wie Japan, Georgien oder Fidschi  eine Perspektive auf einen regelmäßigen Wettbewerb gegen bessere Gegner gehabt. Potenzielle Abstiegskandidaten, wie Italien oder Schottland, hätten aber eben so viel zu verlieren gehabt.

Durch einen abgestimmten globalen Kalender und die Einbindung des Turniers in eine Weltliga will Pichot die Einnahmen der Six Nations weiter steigern - die zusätzlichen Einnahmen will er zum Teil jedoch auch nutzen, um in neue Märkte und Frauen-Rugby zu investieren. Damit gefährdet Pichot die Pfründe der aktuell sowieso schon an den Folgen des Coronavirus leidenden Top-Verbände und richtet sich an zwei Zielgruppen, die im World-Rugby-Council deutlich unterrepräsentiert sind.

Frauen und kleinere Nationen sind im Council unterrepräsentiert

Nur gut ein Viertel der Mitglieder sind weiblich und die aufstrebenden und kleineren Rugby-Nationen sind gar nicht bzw. stark unterrepräsentiert: Die USA haben beispielsweise genauso viele registrierte Vereinsspieler, wie Wales und Schottland zusammengerechnet, aber nur einen Vertreter im Council gegenüber sechs von Wales und Schottland. Spanien, Belgien, die Niederlande und Deutschland, zusammengerechnet immerhin mit über 100.000 Mitgliedern, sind überhaupt nicht vertreten.

Pichot bleibt noch ein knapper Monat, um Wahlkampf zu betreiben. Ein Vize-Kandidat, ähnlich wie im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, könnte Pichot helfen die anglo-französische Achse mit Beaumont und Laporte zu besiegen. Was bei vielen Ländern der zweiten Reihe gut ankommen dürfte: Pichot will die Entscheidungsfindungen bei World Rugby künftig transparenter machen und vom Konzept des oftmals verschrieenen „old boys club“ wegkommen, der in Hinterzimmern die Entscheidungen trifft.

Insgesamt müsse sich der Rugbysport moderner präsentieren und so moniert der Argentinier beispielsweise auch, dass es seit Jahren kein ordentliches Rugby-Videospiel gebe. Indem man ein solches fördere, könne man mehr Jugendliche zum Rugby bringen und beispielsweise in der Corona-Krise binden.

Beaumont kontert mit eigenen Reformvorschlägen

Amtsinhaber Beaumont hat sich heute selbst zu Wort gemeldet und versucht augenscheinlich nicht als Vertreter des Establishments zu gelten. Er und Bernard Laporte werden selbst „frische Ideen“ einbringen und er werde sich auch für eine bessere Repräsentation der aufstrebenden Rugby-Nationen einsetzen, wie der seit 1999 als Funktionär beim IRB/World Rugby tätige Engländer versprach. Zwei unabhängige Prüfer sollen in seiner nächsten Amtszeit die Strukturen bei World Rugby mit allen Stakeholdern besprechen und Reformvorschläge machen.

Die Wahl im World Rugby Council am 10. Mai wird anonym stattfinden. Für die Zukunft des Rugbysports könnte diese Entscheidung richtungsweisend werden - die Mitglieder des World-Rugby-Council haben die Wahl: Revolution oder Evolution?

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