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Brexit-Ball: Welche Folgen ein No-Deal für das europäische Rugby haben könnte
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Mittwoch, 16. Januar 2019

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Springboks-Stars wie Faf de Klerk könnten nach einem No-Deal-Brexit nicht mehr spielberechtigt sein.

In Großbritannien herrscht gerade Brexit-Notstand. Nachdem der von Premierministerin Theresa May ausgehandelte Deal zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs gestern krachend im Unterhaus gescheitert ist, scheint ein sogenannter No-Deal-Brexit wahrscheinlicher denn je. Die Uhr tickt - sollte es keine Einigung geben, fliegt Großbritannien am 29. März ohne Abkommen aus der EU - das könnte auch für das britische und europäische Rugby weitreichende Folgen haben.

Als Brite hat man momentan in den Chaos-Tagen von Westminster genug Sorgen um die politische Zukunft des einstigen Empires. Zu allem Überfluss droht nun auch bei einem der britischsten Hobbys überhaupt, dem Rugbysport, mitten in der laufenden Saison Chaos. Nur noch sechs Wochen bleiben bis der EU-Austritt in Kraft tritt, sollte es nicht noch eine Last-Minute-Einigung geben. Die Zeit für Planungen und Vorkehrungen läuft aus und noch weiß niemand, wie das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU künftig aussehen wird.

Gerade die englische Premiership und die grenzüberschreitenden Guiness Pro 14 versuchen momentan fieberhaft sich auf die Konsequenzen eines No Deals, der mit der gestrigen Niederlage der britischen Regierung im Parlament weitaus wahrscheinlicher geworden ist, vorzubereiten. Pro-14-Turnierdirektor David Jordan äußerte kürzlich gegenüber dem Guardian noch nie derartige Sorgenfalten wegen einer politischen Entscheidung gehabt zu haben.

Britische Klubs sind weniger wettbewerbsfähig

Nachdem das britische Pfund seit den Monaten um das Austritts-Referendum im Jahr 2016 fast ein Viertel an Wert gegenüber dem Euro und Yen verloren hat, was die britischen Klubs für Starspieler aus der Südhemisphäre im Vergleich mit Frankreich und Japan deutlich unattraktiver gemacht hat, drohen nun weitere Konsequenzen.

Momentan dürfen nach den Regelungen der Premiership nur zwei nicht-EU-Ausländer pro Spieltagskader eingesetzt werden. Jedoch zählen Spieler aus einer Reihe von Staaten, darunter Fidschi, Samoa, Tonga, Südafrika, Namibia und Kenia, nicht zu dieser Regelung, weil deren Heimatländer über das sogenannte Cotonou-Abkommen mit der EU assoziiert sind.

Ein slowakischer Handballspieler namens Maroš Kolpak hatte im Jahr 2003 vor dem europäischen Gerichtshof das Recht eingeklagt, aufgrund dieses Abkommens nicht unter die Ausländerregelung des deutschen Handball-Bundes zu fallen und damit einen Präzedenzfall geschaffen.

Springboks-Stars bald nicht mehr spielberechtigt?

Sollte Großbritannien am 29. März tatsächlich ohne einen Deal aus der EU austreten, wäre diese Regelung nicht mehr gültig, da Großbritannien auch nicht mehr Teil des Cotonou-Abkommens wäre. Gerade das große südafrikanische Kontingent in der Premiership um Stars wie Faf de Klerk und François Louw wäre betroffen. Mit Theresa Mays Deal hätte sich zumindest in der angedachten zweijährigen Übergangsfrist nichts geändert. Nun wird Großbritannien ohne Übergang aus allen EU-Freihandels- und Assoziierungsabkommen fallen und das sind Dutzende.

Eine Änderung der Spielberechtigungs-Kriterien durch die Premiership in der laufenden Saison gilt als unwahrscheinlich und wäre rechtlich angreifbar. Da die Klubs unterschiedlich stark von diesem Problem betroffen sind, gilt ein Konsens unter den Vereinen als unwahrscheinlich. Während Exeter und Harlequins beispielsweise jeweils nur einen einzigen betroffenen Spieler unter Vertrag haben, sind es bei Bristol, Newcastle und Northampton jeweils sechs.

Zusammen mit den sowieso schon als Nicht-EU-Ausländern geltenden Australiern und Neuseeländern kämen einige Premiership-Vereine somit auf acht betroffene Spieler, von denen sie dann pro Spieltag jeweils nur noch zwei einsetzen dürften. Das könnte auch entscheidenden Einfluss auf das Titel- und Abstiegsrennen haben.

Bald werden wohl weniger Springbok-Stars, wie Faf de Klerk in England, Schottland und Wales auflaufen

Gerade die Klubs mit wenigen nicht-EU-Ausländern dürften keinerlei Interesse daran haben, die Regularien im laufenden Wettbewerb zu ändern. Exeter und Harlequins ständen plötzlich deutlich besser da, als die Konkurrenz, während Wasps von seinen vier Springboks nun nur noch einen einzigen einsetzen dürfte, wenn All-Blacks-Spielmacher Sopoaga ebenso aufläuft. Im Zweifelsfall könnte die Entscheidung über Meisterschaft und Abstieg im Sommer vor Gericht fallen, sollte die Premiership doch eine Ausnahmeregelung gewähren.

Zudem droht auch im Europacup-Chaos, da laut den Regularien von Veranstalter EPCR ebenso nur zwei Nicht-EU-Ausländer eingesetzt werden dürfen. Theoretisch würde das ab dem 29. März auch für Briten gelten. Jedoch dürfte sich hier sicherlich eine Regelung finden lassen, da auch die französischen, italienischen und irischen Teams kein Interesse an Spielabsagen haben dürften.

Chaos beim Heineken-Cup-Viertelfinale?

Doch da die Viertelfinalspiele des Heineken-Champions-Cup und Challenge-Cups genau auf das Brexit-Datum fallen, rechnet der Veranstalter EPCR mit Chaos in Sachen Anreise der Teams und Fans. Sollten EU und Großbritannien sich nicht in letzter Minute einigen, würde eine gegenseitige Visa-Pflicht für Spieler und Fans gelten.

Selbst wenn eine Visapflicht in letzter Minute verhindert würde, müssten britische Staatsbürger ab dem Brexit-Datum sich, ähnlich wie Deutsche es bei den Reisen in die USA machen müssen, eine vorherige Genehmigung über das Visa-Waiver-Programm online einholen und eine Gebühr entrichten. Zudem hat beispielsweise Ryanair-Chef Micheal O’Leary mehrfach gewarnt, dass Flugausfälle drohen, sollte es keine Last-Minute-Einigung in Sachen Landerechte für Flugzeuge aus Großbritannien geben.

Zukunftsaussichten für britische Klubs düster

Künftig dürften englische, schottische, walisische und nordirische Klubs mit einigen Wettbewerbsnachteilen zu rechnen haben, nicht nur weil sie weniger internationale Stars einsetzen dürfen. Das Pfund würde im Falle eines für die Wirtschaft schädlichen No Deals höchstwahrscheinlich weiter an Wert verlieren.

Schon jetzt müssen sich die Sportdirektoren auf der Insel Gedanken über völlig Rugby-fremde Themen machen, da keiner prognostizieren kann, welcher ihrer Spieler und Transferziele überhaupt in der kommenden Saison noch spielberechtigt ist. Eine Sorge mehr für die momentan in Europa schwächelnden Klubs von der Insel.

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Kommentare (1)add comment

Christian Roth said:

2025
Cotonou-Abkommen
Das Abkommen läuft nach 20 Jahren aus (2020 Ende). Ob es ein Folgeabkommen geben wird ist noch offen.
Februar 04, 2019

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