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Tag 2 in Lodz: Vizeeuropameister, Hongkong gesichert, Irland war im Finale zu stark
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Sonntag, 9. September 2018

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Der wohl beste deutsche Spieler im Turnierverlauf: John Dawe. Foto (c) Perlich

Auch wenn das Finale des vierten und letzten EM-Turniers des Sommers eine ernüchternde Niederlage gegen Irland war, nach Lodz lautet das Fazit: Alle Saisonziele erreicht und dazu das beste Ergebnis einer deutschen Mannschaft jemals erreicht. Auch mit vier Debütanten in den Reihen der DRV-Auswahl im olympischen Siebener gelang der Mannschaft von Nationaltrainer Vuyo Zangqa der dritte Finaleinzug im vierten Turnier.

Dramatischer Last-Minute-Sieg über Spanien im Viertelfinale

Der zweite Turniertag im zentralpolnischen Lodz begann für die DRV VII mit einem unglaublich wichtigen Duell. Denn Portugal hatte direkt vor dem Auftaktspiel der DRV VII im ersten Viertelfinale überraschend England rausgehauen und hätte im Falle eines Turniersieges bei gleichzeitigem deutschen Viertelfinal-Ausscheiden unserer DRV VII das Hongkong-Ticket vor der Nase wegschnappen können.

Es musste also ein Sieg her, um das Schicksal in der eigenen Hand zu behalten. Vom Ankick an merkte man der deutschen Sieben die Entschlossenheit an: Der mittige kurze Kick landete zwar in den Händen der Spanier, doch gegen die anrauschende deutsche Defensive verloren die Iberer das Leder postwendend.

Nach wenigen gespielten Sekunden und mit Ball in der Hand ging das Spielgerät blitzschnell auf die rechte Seite, wo der bisher im gesamtem Turnierverlauf überragende John Dawe zeigte, dass er nicht nur in der Defensive großartig spielt. Als der Deutsch-Waliser vor sich in der unorganisierten Defensivlinie plötzlich Spaniens Spielmacher Pol Pla sah, liess Stürmer Dawe dem nur 1,74 m großen Pla ganz alt aussehen und legt nach nur 30 Sekunden zum Versuch ab - Szczesny besorgte die Erhöhung zum Start nach Maß für das deutsche Team.

Der nächste Ankick landete zwar erneut bei den Spaniern, doch nach wenigen Phasen holte sich das deutsche Team an der 22 der Iberer im Offenen den Turnover per Straftritt. Doch das überhastete Anspielen von Szczesny überraschte dessen Mitspieler und zu allem Überfluss verlor der deutsche Speedster noch das Leder im Kontakt. Aus dem fälligen Gedränge gelangte Spanien erstmals in Ballbesitz.

Der Ball wanderte nach ganz außen, wo sich Spielmacher Pla allerdings festlief. Sein Offload-Versuch schien nach Ansicht der Wiederholung klar nach vorne zu gehen, doch der Unparteiische sah dies anders. Den am Boden kullernden Ball nahm ein Spanier dankbar auf gelangte damit hinter die deutsche Linie und passte auf den schnell wieder im Spiel befindlichen Pla, der zum Ausgleich ablegen konnte. Eben jener Pol Pla, der uns 2017 im Hongkong-Finale per Offload die World-Series-Quali gekostet hatte.

Doch die deutsche Mannschaft zeigte sich nicht sonderlich geschockt, im Gegenteil. Einen weiteren Angriff der Spanier verteidigte sie gut: Einen Grubber-Kick von Pol Pla hinter die deutsche Defensiv-Linie sammelte der als Schluss verteidigende Basti Himmer auf und leitete sogleich den Konter ein. Max Calitz machte mit einem Pick&Go auf der kurzen Seite wertvolle Meter. Jedoch endete dieser Angriff mit einem überhasteten Fehlpass von Debütant Laubscher.

Die Fehler häuften sich nun im deutschen Spiel und es kostete der DRV VII wichtige Chancen: Dawe und Laubscher leiteten einen weiteren Konter aus der eigenen 22 nach Gasse-Fehler der Spanier ein, doch Szczesny ließ sich dann schon in der Hälfte der Iberer ins Aus tacklen.

Der erste Durchgang endete dann mit einem weiteren Fehler, der eine deutsche Chance beendete. Erst holten sich unsere Jungs am Ruck einen weiteren Straftritt, wieder wurden wertvolle Meter gemacht, doch erneut ging ein weiter Pass von Laubscher, dieses Mal in der 22 der Spanier, knapp nach vorne.

Durchgang zwei startete mit einem gefährlichen Ankick der Spanier genau vor die Seitenauslinie, an der Spielmacher Pla entlang sprintete um sich den Ball zu sichern. Doch Tim Lichtenberg konnte die Gefahr bannen und vor dem Spanier das Leder sichern, allerdings auf Kosten einer Gasse für Spanien.

Nur wenig später konnte Basti Himmer per Intercept eine weitere deutsche Chance einleiten, die aber vorzeitig endete, als sich der sonst überragende John Dawe nahe der Auslinie in Spaniens 22 verhedderte und sein Panik-Offload bei einem Spanier landete. Davon ließ John Dawe aber nicht entmutigen, er brachte die DRV VII in der Folge mit einem tollen Lauf erneut kurz vor die Linie Spaniens.

Was dann folgte war eine förmliche Belagerung der spanischen Linie durch die deutsche Mannschaft. Die DRV VII zeigte sich dabei aber zu ungeduldig und wollte es mehrmals mit der Brechstange lösen, anstatt die Überzahl außen auszuspielen. Als Deutschland per Vorball die Chance auf die Führung endgültig vergeudet zu haben schien, kam unerwarteterweise die Erlösung. Die eingewechselten Buckman und Haase schoben die Spanier im Gedränge vor deren Linie über den Haufen. Ein Spanier hielt den Ball einen Meter vor der eigenen Mallinie am Boden fest und die folgerichtige Gelbe brachte Deutschland in eine tolle Position.

Der Ball wanderte schnell nach außen, wo die Spanier gut zugeschoben hatten und Phil Szczesny stoppten. Doch Robert Haase nahm sich ein Herz: Wohlwissend, dass Außen eine Überzahl bestand und die Spanier in Unterzahl schnell nach außen schieben würden, warf Haase den Riesen-Dummy. Die Spanier waren überrascht, konnten ihn aber noch gerade so stoppen, sein Offload allerdings nutzte Basti Himmer zum erlösenden Versuch.

Dabei hatte Himmer zuvor noch lautstark „nein Haase“ geschrien, um ihm vom Versuch selbst zu gehen abzuhalten, doch nur eine Sekunde hieß es „Ball Haase, BALL HAASE“ und prompt kam das Offload passgenau. Als Phil Szczesny mit seinem starken Linken die nicht übermäßig einfache Erhöhung unter Druck zwischen die Stangen nagelte, war die Erlösung nah.

Eine Phase spanischen Ballbestzes musste die deutsche Mannschaft noch verteidigen. Als sich Andrew Nurse an der eigenen 22 aussteppen ließ und noch dazu ein Straftritt gegen die DRV VII gepfiffen wurde, hätte es bei einem spanischen Versuch zur Verlängerung kommen können. Doch ein spanischer Fehler beendete die Partie und Deutschland hatte sich damit vorzeitig die Hongkong-Quali gesichert. Die Einstellung der deutschen Mannschaft hatte wie vom verletzten Kapitän Sam Rainger gefordert gestimmt, lediglich die durch den Druck bedingte Nervosität hatte man der DRV VII ab und an angesehen.

Gegen Portugal im Halbfinale: 13 Minuten hochsouverän und am Ende dennoch knapp

Das Halbfinale begann die Deutsche Sieben dann befreit aufspielend und mit unglaublich viel mit viel Druck. Nachdem Tim Lichtenberg ein gefährdetes deutsches Ruck in letzter Minute saubermachte, wanderte das Leder schnell nach Außen. Dort fasste sich Phil Szczesny ein Herz: Der Hannoveraner ließ erst einen Portugiesen per Step an der Mittellinie verdammt alt aussehen, bevor er den gegnerischen Schluss Per Handabwehr zwanzig Meter lang von sich weg hielt und den Ball an der Eckfahne, noch immer mit Gegner im Schlepptau, zum Versuch auf den Boden knallte. Von ganz außen besorgte Szczesny dann noch die extrem schwere Erhöhung.

Keine 120 Sekunden später kassierte Portugal dann in der eigenen Hälfte einen Straftritt für illegales Ruck-Spiel. Basti Himmer schaltete am schnellsten und setzte nach dem Ankratzen des Balles zum Slalom-Lauf um die Defensive der Portugiesen an. Es stand 14:0 und Deutschland war am Drücker. Mit dem Pausenpfiff wäre fast noch der dritte deutsche Versuch gefallen: Basti Himmer setzte einen cleveren Cross-Kick über die Portugal-Defensive, doch Phil Szczesny konnte an der Eckfahne seine tolle Halbzeit nicht vergolden, das Leder glitt ihm durch die Finger.

Direkt nach dem Wiederanpfif hätte Deutschlands Nürnberger Fidschi „Simo“ Onisimo Nayato Seremaia fast per Offload an Basti Himmer für die Entscheidung gesorgt. Doch der spektakuläre Rückhandpass wurde vom Unparteiischen als Vorwurf gewertet, die Entscheidung war also noch Mal vertagt.

Deutschland spielte gleichwohl seinen Stiefel souverän runter. Straftritte wurden zur Gasse gekickt und die Uhr lief kontinuierlich für unsere Mannschaft. Mit 30 Sekunden auf der Uhr sollte es Anjo Buckman tief in Portugals Hälfte aber noch einmal unnötig spannend machen. Erst verhedderte sich der deutsche Sturm-Tank und ließ sich dann uncharakteristischerweise den Ball im Kontakt klauen. Die Portugiesen nutzten die unorganisierte deutsche Defensive, kamen viel zu leicht an Andrew Nurse vorbei und legten zum 5:14 Anschluss ab. Die Erhöhung erfolgte in allerletzter Sekunde, so dass noch einmal angekickt werden musste.

Was dann folgte war an Kuriosität und Dramatik nicht mehr zu überbieten: Deutschlands Spielmacher Basti Himmer sprang zum Ankick hoch und bekam den Ball auf den Kopf. Er folgte nun dem hoch in der Luft stehenden Leder und klatschte den Ball reflexartig und unerlaubterweise aus dem Feld. Folgerichtig gab es gelb und Straftritt für Portugal, so dass dem deutschen Team die Verlängerung drohte.

Portugal kickte zur Gasse an der Fünf-Meter-Linie und sicherte sich die Murmel. Deutschland verteidigte in Unterzahl aber clever und schließlich war es wieder einmal John Dawe, der den Tag rettete. Der Deutsch-Waliser hatte seine Hände legal im Ruck über dem Ball und der am Boden liegende Portugiese ließ nicht los - Straftritt Deutschland, gleichbedeutend mit dem Sieg und der Vizeeuropameisterschaft. Das beste Ergebnis in der Geschichte des deutschen Rugbys und nur wenige Jahre nachdem die DRV VII um den Klassenerhalt kämpfen musste.

 

 

Im Finale gegen Irland chancenlos

Das Finale wurde dann leider zu einer sehr einseitigen Angelegenheit zu Gunsten der auch bei diesem Turnier alles überragenden Iren. Bevor die deutsche Mannschaft das erste Mal richtig die Finger an den Ball bekam, stand es schon 0:21. Die Dominanz der Iren bei den Kickoffs kostet unserem Team momentan die Chance richtig in die Spiele gegen die Weltklasse-Mannschaft von der grünen Insel zu kommen. Welch Klasse die Boys in Green momentan haben, zeigten sie nicht zuletzt im Juni in London beim World-Series-Turnier, als sie es auf den dritten Platz geschafft hatten - eine absolute Bestleistung für eine Gast-Mannschaft.

Gerade Irlands schnellste Spieler Terry Kennedy und Jordan Conroy konnten unsere Jungs nicht unter Kontrolle bringen. Wie Robert Haase nach dem Spiel ohne Ausreden zugab: „Momentan ist das Spiel der Iren wohl eine Nummer zu schnell für uns.“ Gleichwohl ist dies keineswegs resignierend, denn in Hongkong in diesem Jahr haben die Iren genauso bewiesen, dass sie verwundbar sind. Im Halbfinale gegen Japan hatten sie mehrere Chancen liegen lassen und sich von den Japanern gnadenlos auskontern lassen.

Erst in Durchgang zwei fand die deutsche VII erstmals richtig Zugriff auf die Partie und hatte den Ball über mehrere Phasen. Prompt konnten die deutschen Jungs den Iren auch erstmals wehtun: DRV-VII-Debütant Ben Ellermann, der sich im Turnierverlauf klar gesteigert hatte, rannte Irlands Jordan Conroy gnadenlos über den Haufen. Conroy hatte auf der World Series den US-Supersprinter Carlin Isles abgehängt, mit seinem schmalen Körperbau jedoch ist er ein Ziel für einen physischen Außen wie Ellermann. Kennedy und Conroy gezielt mit Deutschlands harten Ballträgern zu beschäftigen könnte ein Weg sein den Iren wehzutun.

Der einzige Versuch der deutschen Mannschaft resultierte aus einer ansehnlichen Kombination auf der kurzen Seite, bei der Tim Lichtenberg einen schönen Support-Lauf anbot und mit dem Ball dann bis ins Malfeld kam. Das war realistisch gesehen aber zu wenig und es kam zu spät. Irland nämlich konnte im Gegenzug direkt wieder punkten.

Irland ist der deutschen Mannschaft diesen EM-Sommer über hinweg immer weiter entwischt. Während das Moskauer Finale noch sehr knapp war, wurde Marcoussis zu einer Demonstration der irischen Stärke und auch hier in Lodz hatte man nie das Gefühl, dass die deutsche Mannschaft dieses Finale hätte gewinnen können.

Dennoch bleibt das Fazit überaus positiv: Erstmals in der Geschichte des deutschen Rugbys hat die DRV VII das Treppchen in der EM-Gesamtwertung erklommen. Der Ausrutscher von Exeter ist vergessen und auf die erstmalige Finalteilnahme in Moskau folgten gleich zwei weitere. Das Experiment mit gleich vier EM-Debütanten muss trotz einiger Startschwierigkeiten als geglückt gelten. In den sieben Monaten bis Hongkong kann Nationaltrainer Vuyo Zangqa seine Mannschaft nach belieben formen und hat dabei so viele Spieler zur Verfügung, wie noch nie zuvor.

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5 GB
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Italien Italien 18
7 Portugal Portugal 10
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Wales 10
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P
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Schweden 20
2 Schottland
Schottland 18
3 Polen
Polen 16
4 Deutschland
Deutschland 14
5 Rumänien
Rumänien 12
6 Schweiz
Schweiz 10
7 Ungarn
Ungarn 8
8 Tschechien
Tschechien 6
9 Moldawien
Moldawien 4
10 Israel
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11 Norwegen
Norwegen 2
12 Dänemark
Dänemark 1
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