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TR-Experten-Forum: Kann Schottland die Six Nations 2018 gewinnen?
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Mittwoch, 6. Dezember 2017

Die Schotten strotzen vor Selbstbewusstsein seit ihrem Triumph über Australien. Foto (c) SRU Instagram
Die Schotten strotzen vor Selbstbewusstsein seit ihrem Triumph über Australien. Foto (c) SRU Instagram

Fünf Spiele, fünf Niederlagen - das war die katastrophale Bilanz der Schotten bei den Six Nations vor gerade einmal zweieinhalb Jahren. Es war der vierte Wooden Spoon - die symbolische Trophäe für die letztplatzierte Mannschaft beim Traditions-Turnier - den die Schotten seit dem Jahr 2000, als aus den Five Nations die Six Nations wurden, kassiert haben. Nun geht es aber seit zwei Jahren steil bergauf und international gelten die Schotten auf einmal als Kandidat für den Six-Nations-Sieg 2018. In nur neun Wochen steigt das Sechs-Nationen-Turnier - wir haben zwei DAZN-Experten befragt, was sie von den Siegchancen der Bravehearts halten. Der Streaming-Dienst ist zum deutschen „Home of Rugby“ geworden und hat in diesem Jahr auch die Six Nations übertragen.

Die Bravehearts haben in den letzten beiden Jahren den wohl spektakulärsten Aufstieg im Welt-Rugby erlebt. Bereits bei der WM 2015 scheiterten die Schotten nur durch eine fragwürdige Schiri-Entscheidung am Halbfinaleinzug. Seitdem nahm der steile Aufstieg kein Ende - doch ist der Mannschaft von Gregor Townsend tatsächlich der ganz große Wurf zuzutrauen? Es wäre der erste Sieg bei den Six Nations überhaupt. Unsere drei Experten diskutieren: Kann den Schotten bei den kommenden Six Nations der erste Six-Nations-Triumph überhaupt gelingen?

Jan Lüdeke (DAZN/Eurosport Kommentator)

 

Jan Lüdeke hat sich als Rugby-Experte einen Namen gemacht

 

Ich traue den Schotten den Sieg der Six Nations ehrlich gesagt nicht zu. Klar haben sie einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und es macht echt Spaß, dieser Mannschaft zuzuschauen. Den Rekordsieg über Australien würde ich aber nicht überbewerten, sie haben mehr als eine Hälfte lang in Überzahl gespielt. Die Schotten haben das Potenzial, jedes Team der Welt zu schlagen.

Aber sich über wenige Wochen gegen England, Irland und Wales durchzusetzen - das sind meine drei Favoriten - traue ich Ihnen nicht zu. Frankreich und Italien sollten sie schlagen, aber mehr als insgesamt drei Siege traue ich Schottland nicht zu. Es kann im schlimmsten Fall auch passieren, dass sie nur Italien besiegen. Sie haben eine starke Mannschaft, aber nicht die nötige Konstanz.


Simon Jung (DAZN-Kommentator/Verbinder beim Zweitligisten StuSta München)

Schottland muss aufhören, sich so sehr über Stuart Hogg zu identifizieren. Hogg läuft nun schon seit einigen Jahren für Schottland auf und gilt seit jeher als der große Star – die einzige Hoffnung für Schottland. Dabei haben die Schotten in den letzten gut zwei Jahren als Mannschaft so viel zugelegt, das es unfair ist, ein ganzes Team über ihren einen “Superstar“ zu definieren. Auch mit Hogg hat Schottland 2012 und 2015 den Wooden Spoon bei den Six Nations geholt. Genauso haben die Schotten dieses Jahr ohne Hogg zwei mal Australien besiegt. Dabei war der Sieg im Sommer auf australischem Boden wahrscheinlich noch der beeindruckendere.

Es ist keine Frage, Hogg ist ein Weltklasse Spieler! Zwei mal der Spieler des Turniers bei den Six Nations hintereinander spricht für sich. Hätte er sich auf der Lions Tour nicht verletzt, hätte er vielleicht auch eine wirklich realistische Chance auf den World Rugby Player of the Year Award gehabt. Trotzdem ist es unfair den anderen Schotten gegenüber, so zu tun, als gäbe es nur Hogg. Aussagen in den Medien wie: „Hätte Schottland 15 Stuart Hoggs gehabt, hätten sie gegen die All Blacks gewonnen“(So heißt ein ganzer Artikel im The Telegraph) ist wirklich respektlos gegenüber einer Mannschaft, die über sich selbst hinausgewachsen ist und eine wirklich realistische Chance hatte gegen Neuseeland zu gewinnen. Es ist nämlich keinesfalls so, wie einige Behaupten, dass Hogg ein anderes Niveau spielt, als der Rest von Schottland Den Druck von außerhalb merkt man meiner Meinung nach auch an der Spielweise von Hogg.

Vor allem gegen Samoa hat er komplett egoistisch gespielt, mit jedem einzelnen Ballkontakt riskante Einzelaktionen versucht und oftmals so Ball oder Raum an den Gegner geschenkt. Gegen Neuseeland hat er ein richtig gutes Spiel gemacht, aber auch wieder durch seine Spielweise seine Mitspieler ein wenig in den Schatten gedrängt. Bis vor zwei Jahren musste er das vielleicht auch noch, weil aus dem Spiel heraus bei den Schotten selten was ging, aber inzwischen kann er sich eigentlich wirklich auf eine bereits funktionierende Maschinerie verlassen. Die Hintermannschaft von Schottland, die zum größten Teil auch in der Konstellation bei Glasgow spielt, ist aktuell eine der gefährlichsten auf der Welt. Im Sturm hat Schottland auch wahre Perlen in den letzten Jahren hervorgebracht (wie zum Beispiel Jonny Gray) oder wiederentdeckt (Spieler wie Hamish Watson und John Barkley).

Die besten Nationen der Welt haben nicht einen, sondern mehrere Superstars. Meiner Meinung nach hat Schottland das mittlerweile auch und von daher kann mit dem Hoggy-gehype aufgehört und die Schotten als eine Macht gesehen werden. Wenn sich Hogg als Schluss im richtigen Moment in den richtigen Aktionen einbringt, kann er dieser Mannschaft mit seiner Klasse etwas geben, von dem jede Nation träumt. Er kann Spiele für sie gewinnen, er kann auch gerne wieder der beste Spieler des Turniers werden bei den 2018 Six Nations. Solange er Teil des Teams ist und kein Einzelgänger, kann Schottland jede Nation der Welt schlagen.

Denis Frank (TotalRugby-Chefredakteur / Zweite-Reihe-Stürmer ASV Köln)

Schottlands unglaublicher Aufstieg ist wirklich bemerkenswert. Der Rekord-Sieg gegen Australien, ohne den im Warmup ausgefallenen Superstar der Schotten Stuart Hogg, nötigt einem Respekt ab. Doch drei Dinge sprechen für mich gegen einen Triumph der Schotten im nächsten Frühjahr:

- Den Bravehearts mangelt es an Tiefe im Sturm

- Auswärts sind die Schotten traditionell schwach, was bei drei Auswärtsspielen problematisch werden dürfte

- Gegen den Erzrivalen England waren die Schotten bis zuletzt absolut chancenlos

Direkt zum Auftakt des Sechs-Nationen-Turniers im Principality Stadium von Cardiff muss Schottland die erste Feuerprobe bestehen. Zwar zeigten die Waliser zuletzt spielerisch lediglich Magerkost und verloren zu allem Überfluss mit Liam Williams und Jonathan Davies zwei Schlüsselspieler für die kommenden Wochen. Mit über 70.000 fanatischen Fans im Rücken in Cardiff ist immer mit den Walisern zu rechnen. Das mussten auch die favorisierten Iren in diesem Jahr schmerzhaft erfahren - sie verspielten den Titel mit einer 9:22 Pleite in Cardiff.

Selbst wenn Schottland diese erste Hürde nehmen sollte und daheim den Stolperstein Frankreich überstehen sollte wartet immer noch Angstgegner England. Zwar wird dieses Duell im heimischen Murrayfield ausgetragen, doch die letzten Resultate gegen England sprechen Bände: 21:61; 9:15; 13:25; 0:20; 18:38; 6:13; 12:16 ; 16:22. Man muss tatsächlich fast zehn Jahre zurückgehen, um den letzten schottischen Sieg zu finden. 2008 hatten die Bravehearts England daheim in einem wenig ansehnlichen Spiel ohne jegliche Versuche mit 15:9 geschlagen.

Gegen England dürften die Schotten mittlerweile spielerisch mithalten können. Und auf der Dreiviertelreihe haben die Schotten bewiesen Ausfälle verkraften zu können - der Ausfall von Kapitän Greg Laidlaw wurde durch Ali Price nahezu lückenlos ersetzt. Wo den Schotten jedoch der Schuh drückt, ist im Sturm. Auf den tiefen Plätzen im Februar wird Englands Sturm, der wohl beste weltweit momentan, jegliche schottische Träume von einem Sic-Nations-Triumph begraben. Die verletzten WP Nel, Schottlands wohl bester Prop und Ersatz-Kapitän John Barclay könnten eventuell bis dahin zurückkehren und die schottischen Sturmreihen stärken. Doch bei den Standards wird England haushoch überlegen sein.

Selbst wenn die Schotten die Sensation schaffen und den ersten Sieg gegen England in einer Dekade einfahren, erwartet die Schotten der harte Auswärtstrip nach Dublin. In Irland konnte Schottland zuletzt auch wenig reißen. Insgesamt spricht damit für mich viel zu viel gegen einen ersten Sieg der Schotten bei den Six Nations.

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