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"Deutschland braucht Beständigkeit und einen Wettbewerb, in dem es um etwas geht"
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Geschrieben von TotalRugby Team   
Freitag, 15. September 2017

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Der Australier Karl Savimaki arbeitet mittlerweile in den USA - © Jürgen Keßler

Was macht eigentlich Karl Savimaki? Nach einigen Trainerstationen in Deutschland ist der Australier seit dieser Saison im Ausland tätig. Wir haben mit ihm gesprochen – unter anderem über die Entwicklung des Rugbysports in Deutschland. Savimaki äußert sich zu seinem Aus in Frankfurt, dem deutschen Vereinsrugby, der Entwicklung der DRV-Teams, der Wild Rugby Academy und dem Vorwurf der Langeweile in der Bundesliga.

Hallo Karl, wie geht es Dir? Und: Was machst Du derzeit?

Mir geht es gut, vielen Dank. Ich bin derzeit in den USA. Genauer gesagt: in Chicago. Ich trainiere hier ein Herren-Team sowie eine Academy-Mannschaft, die sich aus Spielern zusammensetzt, die aus allen Schulen im Distrikt kommen.

Nach den Stationen Rugby Cassel, RG Heidelberg und SC Frankfurt 1880 hast Du Deutschland nach der vergangenen Saison verlassen. Warum?

Der Grund war, dass mir dieser Trainerjob in den USA angeboten wurde. Allerdings habe ich Deutschland nicht komplett verlassen. Ich bin dort immer noch zu Hause. In den USA bin ich nur während der dortigen Rugby-Saison. Meine Zeit im deutschen Rugby ist noch nicht zu Ende. Gerade mache ich bloß eine Pause.

Uli Byszio von Deinem vorherigen Verein SC Frankfurt 1880 sagte unlängst in einem Interview, dass Du die Mannschaft nicht mehr erreicht hättest und es ein Motivationsproblem gegeben habe. Stimmst Du ihm zu?

Er hat Recht. Die Motivation war gering in der zweiten Saisonhälfte – aus mehreren Gründen. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir Verletzungsprobleme hatten. Aber es lag nicht nur daran, dass wir eine schwache Rückrunde gespielt haben. Letztlich trage ich als Cheftrainer die Verantwortung. Es ist meine Aufgabe, die Fehler zu erkennen und zu beheben. Daher stimmte ich Uli zu. Es war der richtige Moment für mich, um Platz zu machen. Frankfurt hat in Luke Mahoney und Byron Schmidt zwei fantastische Trainer, ich wünsche ihnen und dem Team das Beste. Trotz der schwachen zweiten Saisonhälfte gab es auch viele Highlights während meiner Zeit mit dem Team. Unsere Hinrundenspiele 2016/17 gegen Pforzheim, den HRK und die RGH sowie das Unentschieden 2015/16 gegen den SCN ragen ebenso heraus wie einige bemerkenswerte Vorstellungen, bei denen alles funktioniert hat und jeder zur Verfügung stand.

Wurdest Du letztlich ein Opfer der Frankfurter Philosophie, die vorsieht, dass einige der besten Spieler zugleich den Nachwuchs trainieren und daher nicht immer zur Verfügung stehen?

Nein, ich würde mich deshalb nicht als Opfer bezeichnen. Die Richtlinien und die Philosophie wurden mir von Anfang an mitgeteilt. Mir war klar, dass die Jugend Priorität hat und die als Nachwuchstrainer aktiven Spieler manchmal nicht zur Verfügung stehen würden. Daher werde ich mich da nicht beschweren. Tatsächlich gehe ich sogar so weit, zu sagen, dass Uli Byszio sehr vernünftig war, wenn wichtige Spiele für uns anstanden. Er war mehr als entgegenkommend, wenn ich angefragt habe, ob einige Spieler-Trainer von ihren Aufgaben bei der Jugend befreit werden können. Dass einzige Spiel, auf das diese Konstellation tatsächlich Einfluss hatte, war das verlorene Pokal-Halbfinale 2016 gegen den TSV Handschuhsheim. Uns haben damals in den Manawatu-Brüdern zwei Schlüsselspieler gefehlt, weil am gleichen Tag eine der Jugend-Mannschaften ihr Finale hatte. Für den Verein war das wichtiger. Und das hat sich als die absolut richtige Entscheidung erwiesen, denn mit dem Titel, den diese Jugend-Mannschaft holte, wurde der „Grand Slam“ im Nachwuchsbereich perfekt gemacht.

Im deutschen Rugby gibt es bei den Vereinen viele verschiedene Philosophien. Welche ist Deiner Meinung nach am besten?

Das kommt auf den Blickwinkel an. Die Philosophie des SC Frankfurt 1880 wird sich langfristig auszahlen. Und wenn man langfristig Erfolg haben will – wie die All Blacks mit ihrem player pathway -, muss man von unten aufbauen. Diese harte Arbeit wird sich auszahlen, nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Berlin beim BRC. Der BRC hat gezeigt, dass man nicht zwangsläufig so viel Geld wie Frankfurt benötigt, um gute Jugendarbeit zu machen. Wenn diese Modelle irgendwie im ganzen Land nachgemacht werden könnten, würde Rugby-Deutschland stärker werden. Allerdings gibt es in den meisten sportlichen Bereichen eine „Win now“-Mentalität – vor allem im Siebenerrugby. Daher ist es auch wichtig, in den Top-Level zu investieren. In Deutschland kann man den kurzfristigen Erfolg innerhalb der vergangenen vier Jahre, also seit der letzten WM-Qualifikationsphase, sehen. Die Fortschritte beider Nationalteams, Siebener- und 15er, sind beeindruckend. Der Sieg gegen Rumänien zeigt, dass die DRV XV an einem guten Tag mit den Besten mithalten kann. Man muss nur irgendwie eine Beständigkeit finden, durchgehend Spiele auf hohem Niveau haben und die Spieler bekommen, die in der Lage sind, wie Profis zu leben und zu trainieren.

Als jemand, der das deutsche Rugby kennt: Wie fällt Dein Fazit zur Entwicklung im Vereinsrugby aus?

Das ist eine schwierige Frage. Ein sinnvoller Wettbewerb, in dem es für die Mannschaften um etwas geht, wäre am besten. Aber das ist bloß meine Meinung. Das aktuelle Modell, in dem nach der Punktrunde die Top-Zwei aus dem Süden und die Top-Zwei aus dem Norden das Halbfinale spielen, ist für die Südteams hinter den dominierenden Heidelberger RK und TV Pforzheim eine Herausforderung. Ich würde es bevorzugen, wenn es in Nord- und Südstaffel Halbfinals geben und man dann im Play-off-Modus bis zum Finale spielen würde. Einer der Gründe dafür, dass in der zweiten Saisonhälfte die Motivation fehlt – nicht nur beim SC Frankfurt 1880 -, ist, dass der Schwung verloren geht, wenn du um nichts mehr spielst. Die Saison 2015/16 war nicht so schlecht, als nach der Punktrunde noch der Pokal ausgespielt wurde. Da gab es etwas, worauf man hinarbeiten konnte.

Es wurde schon mehrfach die Idee geäußert, den Spielplan dem Kalenderjahr anzupassen. Denkst Du, dass das die Probleme lösen könnte?

Ich persönliche hasse es, wie die Saison derzeit gespielt wird. Eine Umstellung des Spielplans auf das Kalenderjahr würde viele Probleme lösen. Es wäre bloß eine einfache Änderung: eine Runde im Frühjahr und eine Runde im Herbst – mit einer eingeschobenen Siebener-Saison im Sommer. Eine fünfmonatige Pause mitten in der Saison ist geradezu grotesk. Die Teams, für die die Saison erst Ende Juli zu Ende ist, haben nur acht Wochen Zeit, bis die nächste Runde beginnt. Das reicht nicht wirklich für eine gescheite Saison-Vorbereitung. Wenn man sich das dieses Jahr anschaut, ist es wirklich übel: Ein Saisonende im 15er im Juli ist Wahnsinn. Am besten wäre ein Saisonende im Oktober/November mit einer fünfmonatigen Winterpause, die man nutzen könnte, um Körper und Geist aufzufrischen – und dann gestärkt zurückzukommen. Aber auch das ist nur meine persönliche Meinung.

Der Heidelberger RK unterstützt andere Klubs, teilweise indem er Spieler an diese abgibt. Dennoch dominiert er weiterhin die Liga. Sogar der TV Pforzheim scheint das Wettrüsten nicht mehr mitmachen zu wollen. Wird die Bundesliga immer langweiliger?

Es ist zu früh, um das zu beurteilen. Die vergangene Saison war eine der interessantesten seit vielen Jahren. Zur Halbzeit der Saison lagen der Heidelberger RK, Pforzheim, die RG Heidelberg und der SC Frankfurt 1880 alle im Kampf um die Halbfinalplätze. Letztlich haben der HRK und Pforzheim das Endspiel absolviert. Aber der Abstand wird kleiner. Die Mentalität muss sich von „Oh Gott, wir werden von denen plattgemacht. Ich will nicht gegen sie spielen“ in „Wie können wir der HRK schlagen?“ ändern, zumal das die Spiele sind, in denen man lernt und besser wird.

Der HRK wird von der Wild Rugby Academy (WRA) unterstützt, die viel für das deutsche Rugby macht. Sie schickt Spieler als Trainer zu kleinen Vereinen und hat dabei geholfen, die Nationalteams auf ein höheres Level zu bringen. Aber sie will auch Einfluss auf den DRV nehmen. Wie siehst Du dieses Engagement und die Entwicklung?

Ehrlich gesagt bin ich in diesem Punkt nicht gut genug informiert, um mir ein Urteil zu erlauben. Ich kenne die Fakten nicht, habe den Rugby-Tag nur per Liveticker verfolgt und war ein bisschen überrascht, als das Drama seinen Lauf nahm. Es hört sich für mich ein bisschen so an wie das, was im Moment im australischen Rugby passiert, wo sich der Milliardär Twiggy Forest vom Verband (ARU) trennen und einen Konkurrenz-Wettbewerb starten will. Vielleicht könnte er sich mit Dr. Wild zusammentun und ein deutsches Team als Western Force antreten lassen (lacht).

Das deutsche Siebener-Team entwickelt sich sehr gut. Bist Du der Meinung, dass es noch mehr unterstützt werden müsste, um gute Spieler zu entwickeln, die später der DRV XV helfen?

Meiner Meinung nach ist das nicht nötig. Das Siebener-Nationalteam entwickelt sich gut genug, um ein eigenständiges Programm zu haben.

In diesem Zusammenhang: Welche Meinung hast Du zum Oktoberfest Sevens? Wirst Du es Dir im Stadion oder TV ansehen?

Leider werde ich nicht in der Lage sein, es mir im Stadion anzusehen, da wir hier in den USA mitten in der Saison stecken. Aber ich werde es im TV gucken. Allerdings werde ich rechtzeitig zurück in Deutschland sein, um mir das 15er-Testspiel gegen die USA anzusehen. Dieses Duell interessiert mich sehr. Ich wünsche es mir schon seit ein paar Jahren, zumal ich Spieler beider Mannschaften kenne.

Abschließend: Wo siehst Du das deutsche Rugby mittelfristig?

Hoffentlich klopft die DRV XV dann an die Tür zur WM – und das Siebener-Team nimmt an der World Series teil.

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